Archiv der Kategorie 'falscher Rhythmus, schiefes Bild'

Black bloc

Die Riots am Samstag und die hysterische Berichterstattung über den schwarzen Block haben mir einen hübschen Popsong der Aeronauten in Erinnerung gerufen.

Meine Freunde sagen mir
ich solle mit ihnen gehn
sie schlagen die Faschisten und ficken das System
sie schreiben überall Sachen an die Wand
und hören Musik aus dem Baskenland
doch ich möchte eine Freundin
ich möchte lieber ein Mädchen kennen lernen
ich möchte eine Freundin
ich möchte lieber ein Mädchen kennen lernen

Die Band steht in der Ecke
und sie spielen wieder Punkrock
gegen den Klassenfeind
und für den revolutionären Block
die anderen hängen auf dem Fenstersims
und warten weiter auf die Naziskins
doch ich möchte eine Freundin
ich möchte lieber ein Mädchen kennen lernen

ich möchte eine Freundin
ich möchte lieber ein Mädchen kennen lernen

Requiem für eine Parole

Wer das Vergnügen hatte, in den späten 90ern auf Antifa-Demos zu verkehren, dürfte einen reichen Schatz peinlicher Parolen angesammelt haben. Sich derartige Perlen des lautstarken Straßenprotests in Reimform hin und wieder in Erinnerung zu rufen, stellt eine seltsame Form der Nostalgie dar: als kritische Kommunistin, als kritischer Kommunist vergegenwärtigt man sich all die Flausen, denen man einst nachhing: der Jugendlichkeit geschuldeter Unfug, der sich oftmals schlichtweg in konformistischem Rebellentum Geltung verschaffte.
Sicher: Parolen sind ein denkbar ungeeignetes Medium, um eine ernst zu nehmende Kritik zu vermitteln und das behauptet auch niemand. Jedoch lässt sich an so manch hübschem Spruch in komprimierter Form das wenig erbauliche Weltbild nachvollziehen, dem man sich einst verpflichtet sah: „Für die Bonzen steht ihr da, Marionetten- hahaha“, rief man mutig den behelmten Beamten entgegen, als man die Kritik der Politischen Ökonomie noch nicht vom Hörensagen kannte, aber dafür schon halbwegs fehlerfrei das Einmaleins linker Gesinnung nachzuplappern vermochte.
So manche Binsenweisheit des autonomen Antifaschismus der 80er und 90er („Tod dem Staatsterrorismus“) dürfte inzwischen weitgehend außer Mode sein: nicht weil die demofreudige Bewegungslinke unterdessen klüger geworden wäre, vielleicht aber weniger dumm- damit wäre auch schon so einiges gewonnen.
Kurzum: Demoparolen unterliegen schwer nachvollziehbaren Trends, sind aber ein gewisser Gradmesser für den jeweiligen state of mind der Linken und ihrer mannigfaltigen Fraktionen. Keine Ahnung, was die mehr oder weniger jungen Radikalen am Samstag skandiert haben: eines ist klar, die Krawalle in Rostock waren das definitive Ende einer Parole, die vermutlich ohnehin in Vergessenheit geraten war, mir allerdings immer noch als eine worst of-Parole, als Triumph der Peinlichkeit in Erinnerung blieb: „Wo, wo, wo wart ihr in Rostock?“ schallte es jahrelang reichlich sinnfrei und grammatikalisch gewagt deutschen Polizisten entgegen- der empörte Verweis darauf, dass die Staatsmacht im August 1992 den rassistischen Mob tagelang in Lichtenhagen gewähren ließ.
Jetzt hat die Parole ausgedient, denn mit Rostock sind Riot Bilder verbunden. Man ist stolz darauf, sich aufs Heftigste mit der Staatsmacht gebalgt zu haben und darauf, für ein bis zwei Tage durch das kollektive Entzünden von Kleinwagen und Mülltonnen Thema in der internationalen Presse zu sein. Stolz darauf, dem archimedischen Punkt der „Bewegung“, den Auseinandersetzungen in Genua, nahe gekommen zu sein.

Kritik und Alltag

Gestern Vortrag von Ingo Elbe zur Kritik der marxistischen Staatstheorie: souverän und kenntnisreich, an Paschukanis orientiert, aber eben nix neues. Elbe ist ein kluger Kopf und guter Referent, allerdings als Marxologe nicht gerade der Polemik zugeneigt. Die anschließende Diskussion war gänzlich unergiebig: die verschiedenen Fraktionen der Göttinger Linken tauschen die altbekannten Argumente aus, warum es „total wichtig“ oder eben „voll daneben“ sei, nach Heiligendamm zu fahren. Vertreter von „ums ganze“ verweisen auf den famosen „Resonanzboden“, den die „anpolitisierten Jugendlichen“ darstellen.
Der dem Vortrag zugrunde liegende Aufsatz von Elbe findet sich bei der Roten Ruhr Uni.
Wer noch nicht genug hat von der Kritik der G8-Proteste, dem sei das aktuelle Pamphlet des [a:ka] empfohlen:

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was vor dem G8-Gipfel in den Köpfen der Sportfraktion vor sich geht: Da laufen heroische Filme ab von vergangenen Riots in Prag, in Stockholm oder in Genua; da entstehen Bilder von der schönsten Randale, der Konfrontation mit den Bütteln des Weltkapitalismus, der größten Medienöffentlichkeit, die Linke sich nur wünschen können.
Klügere Antifagruppen haben schon angemerkt, dass bei all der Vorfreude auf den großen Knall die Reflexion nicht vollständig geopfert werden sollte, dass schließlich nicht acht Staats- und Regierungschefs den Kapitalismus machten, und dass es – horribile dictu – gar antisemitisch sei, sich den Sturm auf das Großkopferten-Meeting als Sturm auf das Kapital als gesellschaftliches Verhältnis zurechtzubiegen. Aber auch die Kritiker einer allzu platten Globalisierungskritik finden noch Gründe, warum es trotzdem sinnvoll und wichtig sein soll, sich in Heiligendamm mit den anwesenden Uniformierten zu prügeln.
Auch wir haben uns entschieden, zum Boykott aufzurufen – aber nicht zum Boykott des Gipfels, sondern des Widerstands. Die Forderung lautet: Unten bleiben! Kommunisten und andere Kritiker der falschen Gesellschaft haben beim Gipfelsturm nichts verloren! Wir wollen diese Haltung begründen und beginnen mit der Kritik des Kapitals. Denn die ist von der Kritik seiner falschen Gegner nicht zu trennen.

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Heiligendamm- eine komische Oper in mehreren Akten

Zu dem Jahrhundertereignis der Linken, den Protesten gegen den G8 Gipfel, sollte sich jeder noch so unbedeutende linke Verein positionieren.
Vielen erscheint ihre Beteiligung derart selbstverständlich, dass sie nicht viele Worte darüber verlieren und sich einem der zahlreichen lokalen oder bundesweiten Bündnissen anschließen. In den Verlautbarungen dieser Bündnisse wird dann, je nach politischer Fraktion in unterschiedlichem Jargon, Altbewährtes zur Kritik der G8, der Globalisierung und mitunter „des Kapitalismus“ abgespult.
Andere, denen es „ums Ganze“ geht, bestehen darauf, sich nicht einfach so in die von ihnen als irgendwie problematisch empfundenen Proteste einzureihen und geben sich alle Mühe, ihr Mitmachen wortreich zu begründen.
Unter den antideutschen KritikerInnen der Bewegungslinken findet sich mitunter eine treffende Einschätzung des Spektakels, etwa die klugen Anmerkungen der Gruppe 8.Mai über den affirmativen Charakter der G8-Mobilisierung. Durchaus gelungen ist auch die Initiative einiger Antifa-Gruppen unter dem schönen Titel „Why your revolution is no liberation“.
Einen originellen, ausgesprochen scharfsinnigen Blick auf das närrische Treiben gegen die G 8 wirft die Gruppe [lif:t] in ihrer komischen Oper „Heiligendamm“.

highly recommended reading

Vorspiel auf dem Theater
Es ist dunkel auf der Bühne. Einige Blätter, offensichtlich
Seiten aus linken Broschüren, achtlos weggeworfen, werden
vom Wind einsam umher geweht. Auf einmal, aus dem
Hintergrund, Auftritt des HARLEKINS, beginnt in leisem,
monotonen, beschwörenden Singsang.

HARLEKIN:
Es geht um die schlechten Verhältnisse! Es geht um
gute Kritik! Es geht um Identität! Um
Auseinandersetzung, um deren Ausbleiben, um das,
was bleibt – es geht ums Ganze!
Schaut ins Publikum – verlassene Ränge, über denen
staubige, dumpfe Leere brütet – hebt wieder die Stimme.

Heiligendamm! Hei – li – gen – damm! Man kennt
es. Links ist schließlich da, wo die meisten Plakate
kleben. Ich will euch erzählen, wie es sich gestaltet,
das Treiben um den G8-Karneval in Heiligendamm.
Dramatische Pause, Stille, Wind, währenddessen wird eine
große Kiste auf die Bühne geschoben, dann weiter.

Keine Geschichte ohne Handlung – keine Handlung
ohne die, die handeln…
kichert etwas wirr, während er die Vorderseite der Kiste
öffnet, in der eine Reihe von Schaufensterpuppen
nebeneinander hängen

Da sind sie, unsere Heldinnen und Helden, Heinriche
und Heinrichinnen! Alle haben sie was zu sagen,
zum Sein und Werden unserer Welt; alle wissen sie
sind sie ein Teil der „Linken“ – und das, obwohl ihre
Äußerungen unterschiedlicher nicht sein können –
oder doch?
Sie werden sich heute unserer Prüfung stellen: diese
besteht aus fünf klugen Fragen. Nämlich 1) Was ist
es eigentlich, die Antiglobalisierungsbewegung, was
hat es damit auf sich?, des weiteren 2) Was und
warum ist die Linke?, sodann auch 3) Wie hält man
es mit dem Antiamerikanismus, dem Antisemitismus,
und (Vorsicht!) mit Israel?, weiter 4) Krieg und
Gewalt?, sowie schlussendlich 5) Heiligendamm, das
ruhige Ostseebad, das niemand mag, aber alle fahren
hin? --- So also lauten die Fragen, deren richtige
Beantwortung die Welt wohl auf immer zum Guten
verändern könnte…“
Der HARLEKIN schreibt die fünf Fragen auf einen Zettel und
tackert letzteren an die Wand. Dann hüpft er, irre vor sich hin
kichernd mit der ebenfalls kichernden Kiste im Schlepptau,
von der Bühne und verschwindet in einem Seitenausgang.

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voyage voyage

Nach zwei Tagen in Hamburg mit subwave heute arbeiten, Grey´s Anatomy schauen und packen. Morgen gehts weiter nach Köln, unter anderem ins Museum Ludwig.

Ab Freitag werde ich dann in Trier sein, wo ich eigentlich Tante Renate live sehen wollte. Trier, immerhin Geburtsstadt des Begründers materialistischer Gesellschaftskritik, steht jedoch seit Jahrhunderten unter der Herrschaft klerikalfaschistischer Katholikenrackets, daher muss das Konzert wegen des Tanzverbot am Karfreitag entfallen.
Es bleibt dabei: Deutschland muss sterben, damit wir raven können.

Verschiedene Zutaten

* die neue Folge der mittlerweile regelmäßig erscheinenden Rubrik „Lindenstrasse“ wird erst gegen Mitte der Woche erscheinen. Da ich heute abend arbeiten muss (und neben der L-Strasse auch Bayern gegen Werder verpasse), werde ich mir die aktuelle Folge der weltbesten Serie im Netz ansehen müssen.
*Desweiteren sei an dieser Stelle wieder einmal kluger Aufsatz zur Lektüre empfohlen, nämlich eine Auseinandersetzung mit den Gefängnisthesen von Heinz Langerhans über das „Staatssubjekt Kapital“.
Leseprobe:

Diese Reorganisation des Verwertungsprozesses nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, so lautet Langerhans’ zentrale These,
korrespondierte mit einer Veränderung der bis dahin existierenden
Formen von Staat und Kapital. Die von den Theoretikern der
Zweiten und Dritten Internationale konstatierte Trennung von
Ökonomie und Politik, so beschreibt er das Ende der liberalen Epoche des Kapitalismus, wurde mit dem Ersten Weltkrieg aufgehoben. Der Staat ist, wie Langerhans ausführt, nicht länger bloß »ideeller Gesamtkapitalist«; Krieg und Weltkrisen haben Kapital und Staat vielmehr zu »einem einzigen Schutzpanzer« eingeschmolzen: »Aus dem automatischen Subjekt Kapital mit dem Garanten Staat als besonderem Organ ist das einheitliche Staatssubjekt Kapital geworden.« Mit anderen Worten: Die Selbstverwertung des Werts – der Vorgang, auf den Marx mit der Formel »automatisches Subjekt« verweist – kann nur noch mit Hilfe des Staates gewährleistet werden. Der Staat verwandelt sich vom »Nachtwächter« in einen gigantischen Konflikt- und Krisenmanager.

Der Autor Jan Gerber ist Mitglied im Diskussionskreis „Materialien zur Aufklärung und Kritik“ aus Halle und schreibt u.a. für Phase Zwei und Bahamas.

*am Rand sei noch erwähnt, dass bei der Lektüre des Aufsatzes in der Frühlingssonne meine Lieblingstasse (pre 9-11 skyline von New York) zu Bruch ging.

Es gibt nicht viele Gründe, nach Hannover zu fahren


Tatjana Marusic
„A Woman Under The Influence – to cut a long story short“
Video/Audioinstallation, 2003

Sprengel Museum Hannover

No one has ever looked so dead

The organ: Love, Love, Love

Pfannkuchen

Habe diese Woche ein neues Talent bei mir entdeckt: das schwungvolle Pfannkuchen-in-der-Luft-Wenden. Seither mache ich mir deutlich weniger Sorgen wegen Studium und Zukunftsperspektiven.

Beim Bewegungsablauf ist zu beachten, dass der Schwung nicht nur aus den Armen kommen sollte, sondern (ganzheitlich gedacht, Alter!) der Körper von den Zehen bis zu den Handgelenken angespannt wird.
Wird erstmal die Grundtechnik beherrschaft,so kann das spektakuläre Wenden beliebig variiert werden, der Phantasie sind nur durch die Schwerkraft und das eigene Vermögen Grenzen gesetzt!
Abschließend noch ein Plädoyer für den Pfannkuchen als ein ausgezeichnetes Gericht, welches vielseitig und günstig zugleich ist:
aufgrund der billigen Zutaten (Milch, Mehl, Eier, Salz + Belag nach Wahl) kann selbst eine gefräßige 10er Wg mit einem Budget von wenigen Euro gesättigt werden.
Für ein Kochbuch unter dem Motto „Satt werden mit Hartz 4″ jedenfalls wäre der Pfannkuchen neben Steckrübeneintopf (die Steckrübe ist auch als Hindenburg-Knolle bekannt) und Kartoffelsuppe eine keineswegs provinzielle kulinarische Alternative- zumal man Pfannkuchen für frankophile AkademikerInnen auf ALG II gerne auch als Crepes zubereiten kann. Bon appetit!

This is a warning

Vor zwei Wochen zappte ich nach einem abendlichen Kneipenbesuch vorm Einschlafen gelangweilt im Fernsehen rum. Und blieb zum ersten mal bei einer dieser nächtlichen Telefon-Gewinn-Shows hängen (wohlgemerkt, eine Show, bei der die Moderatorin angezogen ist). Jedenfalls fing gerade die neue Raterunde an: 5 deutsche Städte, die auf „burg“ enden. Nichts leichter als das, dachte ich mir und griff, zuversichtlich gleich um 20tausend Euro reicher zu sein, zum Handy.
Heute hab ich meine monatliche O2-Rechnung gekriegt, 25 Euro mehr als gewöhnlich. Daraus lernen wir: Telefon-Gewinn-Shows sind betrügerische, zynische Einrichtungen, die leichtgläubige, angetrunkene Menschen abzocken. Finger weg davon!