Archiv der Kategorie 'no style'

Gegenwärtige Lektüre

Michel Dormal: “Terror und Politik.
Eine politische Analyse des Islamismus aus Sicht einer Kritischen Theorie von Antisemitismus und totaler Herrschaft“

Der Verlag bewirbt das soeben erschienene Werk folgendermaßen

Der islamistische Terrorismus ist seit den Anschlägen von New York eine vieldiskutierte Gefahr. Doch welcher Logik folgt der Djihad? Welche Rolle spielt dabei der Hass auf Juden und Israel? Werden die Selbstmordattentäter von Paradiesversprechen geleitet, oder instrumentalisieren sie die Religion für politische Anliegen? Diese Studie versucht, auf solche Fragen eine differenzierte Antwort zu liefern. Dazu wird ein Dialog mit den politischen Theorien von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Hannah Arendt und Claude Lefort entfaltet. Die Gewalt des Djihadismus und seine politische Ideologie wird dann als moderne Variante einer totalitären Bewegung entschlüsselt.

Das Buch sei an dieser Stelle insbesondere wegen seiner Auseinandersetzung mit Autoren in der Tradition der Kritischen Theorie wie Claussen, Postone oder Scheit mit Nachdruck empfohlen.

kurz notiert

In Anlehnung an den ersten Film von Claude Lanzmann, Pourquoi Israel, betitelt das [a:ka] Göttingen seine Einlassung zum 60. Gruendungstag >Darum Israel>. Dienstag, den 6. Mai, 20h. Platz der Synagoge.

In der schoenen Fruehlingszeit empfiehlt sich nicht nur ein Ausflug zum Baggersee, sondern auch der Weg in die Freibaduniversität.

Bremen hat nicht nur den weltbesten Fussballverein und koestliches Bier zu bieten, sondern zudem auch einen Kongress gegen die Versöhnung mit der deutschen Nation. Ob es sich bei den VeranstalterInnen tatsaechlich, wie der aktuellen Bahamas zu entnehmen ist, um >Adorno -Imitatoren> handelt, gar um >Leute, die zwischen dem Wunsch, etwas Gescheites zu schreiben und dem Wahn, es auf Deutsch auch zu können, hin und her torkeln>, davon mag man sich getrost vom 9. bis 11. Mai in Bremen einen Eindruck verschaffen.

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1 out now- prodomo nr 8

2 zudem fuer BewohnerInnen der beschaulichen Unistadt an der Leine-

das Institut fuer tighten Shit (IFTS Goettingen) proudly presents
POP POP POP, Fr 23h Cafe Kabale, G 19

Requiem

Der Südwesten der Bundesrepublik ist ein schauriges Gebiet, das man, so nur irgend möglich, meiden sollte: man begäbe sich ansonsten in Regionen, deren BewohnerInnen nicht nur wie Kurt Beck reden, sondern zumeist auch so aussehen. Rheinland- Pfalz ist zweifelsohne schlimm, das Saarland indes noch schlimmer. Obzwar ganz im Westen gelegen, dürfte es in der Rangliste der ostigsten Bundesländer einen vorderen Platz erlangen. Die Geschichte des Saarlandes: ein Trauerspiel. Jenes Ländchen sträubte sich nicht nur wie der Rest Deutschlands gegen die zivilisatorischen Errungenschaften, die aus dem revolutionären Frankreich kamen. Vielmehr stand man im Saarland auch im 20. Jahrhundert gleich zweimal unter französischem Einfluss und wollte nach jedem verlorenen Weltkrieg stur heim ins Reich.
Für Mosel und Saar, für Koblenz und Saarbrücken gilt: Provinz ist weniger eine geographische Kategorie als vielmehr ein state of mind. Auch die etwas größeren Städte in der Region verharren in trübsinniger Borniertheit, es ist ein Graus.
Es steht außer Frage, derartige Elendszonen haben kommunistische KritikerInnen gleichermaßen verdient und bitter nötig. Jedoch:

Die „linksradikale Initiative für ein französisches Trier“ aka Gruppe [lift] ist passé.

Unser Beitrag zu „30 Jahre deutscher Herbst“. Was die RAF kann, können wir schon lange: Auflösungserklärung
Vor fast 3 Jahren entstand in einer Gaststätte an der Mosel die Gruppe lif:t. Heute beenden wir dieses Projekt.


[lift] Die Globalisierungskritik als höchstes Stadium des Spektakels (Jungle World 16/2007)
[lift] Heiligendamm: eine komische Oper in mehreren Akten

FAZ über die „Israel-Lobby“ und blonde Eiferer

Adorno-Biograph Lorenz Jäger, im Feuilleton der Israel vergleichsweise wohlgesonnenen „Zeitung für Deutschland“ für die nötige Portion diskreten Antisemitismus zuständig (der Ausgewogenheit halber, versteht sich) , berichtet über eine Buchvorstellung in Frankfurt: „Die Israel- Lobby“ von John Mearsheimer und Stephen Walt.
Den deutschen Part im Disput über zionistische Machenschaften übernahm der Politikwissenschaftler Gert Krell, der für diese Aufgabe allein schon deswegen qualifiziert ist, da er zu den Unterzeichner des „Manifests der 25″ zählt und somit über Israel nur all zu gut Bescheid weiß.

Die Pointe von Jägers Artikel besteht darin, dass er in triumphalischem Gestus auf die auch hierzulande äußerst umtriebige „Israel- Lobby“ verweist. Welche Personen und Institutionen diese umfasst und worin deren Einfluss besteht- das bleibt der Phantasie all der klugen Köpfe überlassen, die das Zentralorgan der deutschen Bourgeoisie lesen.
En passant kommt Jäger auch noch auf jenes bizarre Phänomen zu sprechen, das seit einigen Jahren die deutsche Linke schwer plagt und den bürgerlichen Beobachter irritiert:

Auch die „Antideutschen“ sind da und melden sich höflich zu Wort, nehmen Krells Kritik auf. Antideutsch? Ach, deutscher kann ja kein Jüngling sein als dieser verträumte Blondschopf, auch nicht deutscher im international berüchtigten Sinn des Wortes: weltfremd eifernd. Nach den ersten Fragen verlassen sie die Veranstaltung, in der sie auf wenig Zuspruch gestoßen sind.

Sarah Silverman

Give the jew girl toys

„I hope the Jews did kill Christ…I‘d do it again. I‘d fucking do it again — in a second.“ – Sarah Silverman

Fetisch und Freiheit – Über die Bedingungen der Emanzipation

Auf Einladung des [a:ka] stellt Stefan Grigat am Montag sein neues Buch in Göttingen vor:

Freiheit im kommunistischen Sinne wäre die Freiheit der Menschen von Herrschaft und Ausbeutung; ihre Befreiung von Staat und Kapital. Mit seiner Forderung, alle Verhältnisse umzuwerfen, unter denen der Mensch ein erniedrigtes und geknechtetes Wesen ist, setzte Karl Marx diese Form der Freiheit vor über 150 Jahren auf die politische Tagesordnung – bis heute aber dauert die Herrschaft an; ihre Abschaffung ist von der Tagesordnung bis auf weiteres gestrichen.
Das Ergebnis ist eine paradoxe Welt: Obwohl alle Voraussetzungen vorhanden sind, die Gesellschaft nach den Maßgaben der Vernunft einzurichten, obwohl Hunger, Armut und Krieg lange der Vergangenheit angehören könnten, verharrt die Menschheit im kapitalistischen Status Quo und akzeptiert lieber Elend und Tod als ihre Selbstbefreiung überhaupt nur in Erwägung zu ziehen. Wider alle Evidenz erscheint den Menschen das Bestehende als das Bestmögliche, und der Gedanke, es könne auch ein Welt jenseits dieses Bestehenden geben, ist ihnen fremd geworden.
Warum aber ist das Mögliche, eine Welt ohne Herrschaft und Ausbeutung, ohne Nation und Religion, niemals wirklich geworden? Warum ist die Emanzipation gescheitert?
Der Publizist Stefan Grigat vom Café Critique aus Wien sucht die Gründe in dem falschen Schein, den der Kapitalismus fortwährend von sich selbst produziert – jene „Mystifikationen“, die Marx in seiner Fetischkritik analysiert. Das fetischisierte Bewusstsein kann die Gesellschaft nicht als den Zusammenhang von Menschen erkennen, den sie trotz allem darstellt, sondern sieht in ihr einen Zusammenhang von Sachen, dem die Menschen letztlich ausgeliefert seien. An die Stelle des Willens zur Emanzipation tritt der Antisemitismus; der Hass auf das vermeintliche Glück der Anderen ersetzt das Streben nach dem eigenen Glück.
Stefan Grigat geht in seinem Vortrag der Frage nach, wie diese Verkehrungen jeden Versuch einer umfassenden Emanzipation letztlich vereitelt haben. Die Kritik des (Waren- und Kapital-) Fetischs analysiert er dabei als notwendige Bedingung für die Befreiung; als Voraussetzung, ohne die Freiheit nicht zu haben ist. Die weitergehende Frage, ob die Emanzipation der Gattung von Herrschaft und Ausbeutung überhaupt noch wirklich werden kann, vermag die theoretische Kritik freilich nicht zu beantworten. Darüber kann nur gesellschaftliche Praxis Auskunft geben.


Stephan Grigat: Fetisch und Freiheit
Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus

396 Seiten, 22 Euro, erschienen bei ça ira

MEW 23

Vor 140 Jahren, am 11. September 1867, erschien der erste Band des „Kapitals“. Highly recommended reading

Kritik und Kleinstadt

Jochen Bruhn besucht auf Einladung des [a:ka] die idyllische Universitätsstadt an der Leine.

Vernunft und Barbarei -
Über die Begreifbarkeit des Nazifaschismus
Der Nationalsozialismus ist fraglos das Produkt der kapitalisierten Gesellschaft, die Konsequenz ihrer ureigenen Krise und ihres historischen Zusammenbruchs. Aber die Weise, wie der Nazismus als ableitbares Produkt gesetzt wurde, gibt zugleich das Gesetz seiner unableitbaren Autonomie, die in der Massenvernichtung der Juden kulminiert.
Als „objektive Gedankenform“ (Marx) ist der Antisemitismus mehr und anderes als Ideologie im landläufi gen Sinne:
Als Feindbestimmung und Staatsprogramm erzeugt er in Verfolgung und Mord die gesellschaftliche Synthesis. So ist der NS dem Kapital
im doppelten Sinne entsprungen, von ihm erzeugt und ihm zugleich entronnen: Es ist dieser Doppelcharakter des Nazismus, der ihn, je länger, je mehr, dazu trieb, sich als Gesellschaft eigener Ordnung zu radikalisieren, sich als Gesellschaftsformation sui generis zu konstituieren: als die Barbarei an und für sich.
Jeder Versuch, Auschwitz rational zu erklären, ist daher Rationalisierung, d.h. Injektion subjektiver Vernunft in einen Gegenstand, der sie als objektive nicht mehr enthält. Der Nazismus zerstört die Bedingungen der Möglichkeit, unter denen Gesellschaft als an sich und objektiv rationale erkennbar ist – und indem er diese Zerstörung leistet, demonstriert er, daß der Begriff der Vernunft eher der positivistischen Rationalität von Zweck und Mittel geschuldet war als materialistischer Dialektik.
Dieser Befund kann nicht zuletzt an den marxistischen Theorien über den Faschismus ausbuchstabiert werden, an Ernst Bloch und August Thalheimer, an Leo Trotzki und an Alfred Sohn-Rethel. Es zeigt sich sodann, warum die Quintessenz von „Hitlers Volksstaat“ – die Transformation der bürgerlichen Gesellschaft in das so klassenübergreifende wie die Klassen in sich negativ aufhebende Mordkollektiv der Deutschen – weder vom Standpunkt bürgerlicher noch in der Perspektive marxistischer Geschichtswissenschaft
kritisiert werden kann.
Wie die Kritik der nationalsozialistischen Mord- und Volksgemeinschaft vor diesem Hintergrund überhaupt in Angriff
genommen werden kann, darüber referiert
Jochen Bruhn von der Initiative Sozialistisches
Forum in Freiburg.

Im seinem Aufsatz über den „Nazismus als Erkenntnisfalle“
begründet Bruhn, „warum Geschichtswissenschaft die denkbar ungeeignetste Methode ist, Auschwitz zu verstehen“ [highly recommended reading]
Neulich erschienen und ebenso lesenswert ist Bruhns Aufsatz „Studentenfutter“ in der aktuellen Prodomo. In der vorherigen Ausgabe der Prodomo hatte Ingo Elbe den Vorwurf erhoben, die an Adorno orientierte Gesellschaftskritik laufe auf „Marxismus-Mystizismus“ und sei nichts weiter als „die Verwandlung der Marxschen Theorie in deutsche Ideologie“. Neben der Debatte um Marximus und Akademismus findet sich noch so mancher empfehlenswerter Beitrag in der aktuellen Prodomo, so ein Interview mitYaacov Lozowick und die „kurze Geschichte einer Ménage à trois “ über „Staat, Markt, Gesellschaft“. Kurzum: die aktuelle Pordomo, nunmehr Nummer sechs, hat mich rundum überzeugt, wenngleich ich dem Projekt anfangs ziemlich skeptisch gegenüberstand und die erste Ausgabe (ein Freund hatte sie mir von der Bahamas-Konferenz mitgebracht) eher mäßig fand. Seit Einstellung der Printausgabe ist die Prodomo unter prodomo_abo@yahoo.com zu bestellen.
Ein weiteres antideutsches Periodikum jüngeren Ursprungs ist die CCP (Zeitschrift gegen deutsche Zustände), benannt nach dem reslut antifaschistischen Papagei Winstons Churchills. Vor nunmehr drei Jahren als beschauliches Blatt mit Saarbrücker Antifa background gestartet, hat die CCP inzwischen eine beachtliche Qualität erreicht, als Beispiel seien David Schneiders „Anmerkungen zur Psychiatrie und zur Kritik ihrer Macht“ genannt.

don´t look back in anger

Christian Worch gibt in Leipzig auf. Der „alte Haudegen“ (Worch über Worch) hat die Anmeldungen für je 2 Demonstrationen bis ins Jahr 2014 zurückgezogen. In seiner öffentlichen Erklärung mit dem schönen Titel „Frontbegradigung“ konstatiert er nicht ohne Wehmut:

Wir Deutschen waren mal ein Volk von Helden. Helden sind rar geworden in unserem Land! Leipzig war mal eine Heldenstadt. Helden sind auch in Leipzig rar geworden, genau wie im ganzen Land…

Die Verantwortung für diesen Schritt liege bei jenen Kameraden, die
„erstens systematisch und zweitens auch hinterrücks“ gegen ihn gearbeitet hätten. Spontan identifiziert sich Worch mit einem anderen großen Deutschen, gegen den sich die eigenen Volksgenossen einst verschworen:

Und daß dies alles am Tag nach dem 20. Juli geschah, verleiht ihm eine gewisse zusätzliche Würze.