Jetzt auch in Göttingen: „die Brechung der Zinsknechtschaft“

„Im zinstragenden Kapital ist daher dieser automatische Fetisch rein herausgearbeitet, der sich selbst verwertende Wert, Geld heckendes Geld, und trägt es in dieser Form keine Narben seiner Entstehung mehr. Das gesellschaftliche Verhältnis ist vollendet als Verhältnis eines Dings, des Geldes, zu sich selbst.“
MEW 25: 405

Paranoid ist zumeist das Weltbild des Kleinbürgers, autoritär seine Gesinnung. Fortwährend bedroht scheint das idyllische Leben, die Heimat, das Vaterland. Der Gefahren gibt es zuhauf und allerorten. Da gilt es, das Heft in die Hand zu nehmen, die Dinge nicht einfach ihren Lauf nehmen lassen. Stattdessen sich mit anderen zusammen tun, denn allein machen sie dich ein.
Ist der deutsche Kleinbürger ein rechter Deutscher, so fürchtet er beispielsweise die „kulturelle Amerikanisierung“ und engagiert sich im „Verein Deutsche Sprache“ . Alternativ kann er auch Unterschriften gegen ein Asylbewerberheim sammeln oder, darauf kommts nicht an, gegen den nächstbesten Moscheebau.
Ist der autoritäre Charakter eher links gestimmt, so fürchtet er insbesondere die von Vizekanzler Müntefering heraufbeschworen Heuschrecken, welche bekanntlich deutsche Arbeitsplätze vernichten. Oder er geht mit Lafontaines Linkspartei auf die Suche nach der nationalen Antwort auf die soziale Frage. Dennoch: Wahlen allein ändern nichts, man muss sich selbst zur Wehr setzen gegen allerlei neoliberale Unbill.
Wer von Wertvergesellschaftung keine Ahnung und mit der Kritik der Politischen Ökonomie nichts am Hut hat, den Markt jedoch als finstere Bedrohung empfindet, den zieht es zur “Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der BürgerInnen” , zu attac. Da lässt es sich begrifflos nörgeln über die „Macht des Kapitals“ und man teilt mit anderen den moralisierenden und dirigistischen Blick auf den Weltmarkt.
Brüder im Geiste findet der Attac-Aktivist bei den zahlreichen Tauschringen und Regionalgeld-Initiativen. Diese sind inspiriert von Silvio Gesell, einem deutsch-argentinischen Kaufmann, dessen gegen den Zins gerichtete ökonomische „Theorie“ – der Proudhon´schen nicht unverwandt- schlichtweg auf Antisemitismus hinausläuft.

In Göttingen ist nun der Augusta Regional e.V. als „Verein für gerechteres Wirtschaften“ mit seinem Anliegen an die Öffentlichkeit getreten, ein mit Bezug auf die Georg-August-Universität „Augusta“ genanntes Regionalgeld in Umlauf zu bringen. Den irrlichternden Kleinbürgern geht es darum, „ein Zeichen [zu] setzen für Marktwirtschaft und gegen Kapitalismus, praktisch wie ideell“. Schließlich sei dieser durch „Profitgier“ gekennzeichnet, den Gesellianern indes geht es um die „regionalen kleinen und mittleren Unternehmen“. Und mit dem räuberischen Zins könnte es ein Ende haben, denn, so freut man sich, „anders als bei einer herkömmlichen Bank könnte es für den Verleihenden allerdings schwierig werden, Zinsen für die geliehenen Augusta zu verlangen“. Das Schwundgeld soll darüber hinaus zu einem „ausgeprägteren „Wir-Gefühl“ in der Region“ führen. Von der ostzonalen no go area lernen heißt siegen lernen.
Die Pläne der Gesellianer scheinen weit voran geschritten zu sein: nach eigenen Angaben haben mehr als „20 Unternehmen der Region“ ihre Kooperation zusagt,sodass die Augusta Anfang Oktober in Umlauf kommen soll.

Lektüre:
Peter Bierl: Schwundgeld, Menschenzucht und Antisemitismus
ders.: Urstromtaler und Co. Wie man mit »Schwundgeld« dem Kapital zuleibe rücken will
ders.: Völkisches Empfinden

Die Theorie Gesells ist absurd bis zur Lächerlichkeit. Aber ihre Vertreter ködern dümmere Linke mit Verweis auf die angeblich durch Zins und Zinseszins ausgepreßten Massen im Trikont oder knüpfen an das Alltagsverständnis der Menschen an. Sie verteilen Bierdeckel, auf denen zu lesen steht, daß Bier zu 30 Prozent aus Zinsen besteht – gemeint ist der Bierpreis. Rechnet man etwa vier Prozent Alkohol im Bier dazu, ist das schon ein Drittel.

Nadja Rakowitz: Religion des Vulgären – Silvio Gesells „Natürliche Wirtschaftsordnung“

Als Kritik am – als unnatürlich empfundenen – Wachstum in kapitalistischen Gesellschaften soll gemäß der Vorstellung von Silvio Gesell eine „Natürliche Wirtschaftsordnung“ geschaffen werden, die dadurch gekennzeichnet ist, daß das Geld wieder von seiner „unnatürlichen“Potenz, sich ohne Arbeit vermehren zu können, also Zinsen zu erzielen, befreit werden soll. Damit wäre auch, so die Hoffnung der Freiwirtschafter, die Marktwirtschaft vom Kapital befreit. Als Kapital erscheint ihnen aber nur das Geld – bzw. Finanzkapital.

Nach der Änderung der Verhältnisse durch Abschaffung des Wuchers und der „Schmarotzer“, die von ihm leben, soll also eine freie, „natürliche“ Wirtschaft eingerichtet werden, in der wieder „wirkliche“ Äquivalente getauscht werden. Die Verteilung des Arbeitsertrages soll sich dabei – wie bei Proudhon – nach wie vor nach den Gesetzen des Wettbewerbs vollziehen: Die Verteilung soll in Gesells Modell bei freier Berufswahl nach Maßgabe persönlicher Fähigkeiten durch Nachfrage und Angebot geschehen. Die „natürliche“ Wirtschaftsordnung“ weist also folgende Charakteristika auf: Äquivalententausch, Privateigentum an Produktionsmitteln, Warenproduktion, Lohnarbeit, Wettbewerb, Akkumulation und Konkurrenz. Von einer kapitalistischen Wirtschaft soll sie sich nur dadurch unterscheiden, daß sie „reine“ Marktwirtschaft sein soll und es in ihr kein Privateigentum an Grund und Boden und keinen Zins und keine Zinsnehmer geben soll.
Dies ist die utopische Vorstellung von Gesell und seinen Anhängern.


2 Antworten auf „Jetzt auch in Göttingen: „die Brechung der Zinsknechtschaft““


  1. 1 wsp 11. Oktober 2007 um 23:15 Uhr

    hihi, ein kleiner marxist. aber seeehr einsam. nich nur regionalgeld findet man doof, sondern die linke auch. selbst attac. alles revisionisten-schweine! und kleinbuerger. und antisemiten. alle. wie gut, dass man da als linientreuer marxist noch weiss, was gut und boese ist und wer kapitalismuskritik betreibt und wer nicht. waer sonst auch alles viel zu unuebersichtlich, gell?!

    wie siehts denn aus mit der lektuere des heiligen buches? schon uebers transformationsproblem gestolpert? oder einer der fetischisten? wahrscheinlich letzteres, die koennen im neuem mantel genauso blind durch die welt stapfen wie die letzten 80 jahre. viel spass dabei!

    wsp

  1. 1 subwave - exakt neutral :: mixed #33 :: August :: 2007 Pingback am 21. August 2007 um 19:36 Uhr
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