Emanzipation und „nichtmenschliche Tiere“

Zu den Essentials adoleszenter Subkulturen in den 90ern, insbesondere der sich als links verstehenden HC Szene, gehörte eine vegetarische oder besser noch vegane Ernährungsweise. Ich weiß nicht, ob sich dem immer so verhält. Die mir bekannten VeganerInnen erachten ihre Ernährungsweise als eine Privatangelegenheit, die man respektiert wissen möchte und die darüber hinaus nicht ins Gewicht fällt und mit der man dementsprechend niemanden belangt.
Am Wochenende fielen mir auf einer Demonstration zwei im Autonomen-Stil gekleidete Jugendliche auf, die mit Aufnähern und Buttons für die „Antispeziesistische Aktion“ warben. Die Geschmacklosigkeit, das eigene tierrechtliche Engagement mit Antifaschismus zu assoziieren, lässt erahnen, was mit dem antispeziesistischen Ticket nur allzu oft verbunden ist: die Verharmlosung des Faschismus und die Relativierung der Shoah. Indes wissen sich theoretisch versierte AntispeziesistInnen (wie beispielsweise die Tierrechtsaktion Nord, die mit Adorno im Gepäck und Moshe Zuckermann im Bunde gegen das Leid der Tiere streitet) von unsäglichen Kampagnen wie PETAs „Der Holocaust auf deinem Teller“ abzugrenzen. Eine Kritik des tierlieben Aktivismus sollte sich vielmehr mit dem antispeziesistischen Axiom, der Nivellierung des Unterschieds zwischen Mensch und Tier, befassen und die von der Bahamas in einem anderen Zusammenhang aufgeworfene Frage stellen: das antispeziesistische Bedürfnis- woher kommt es und was will es von der Welt?

Mit ihrer Forderung nach der Gleichsetzung von Mensch und Tier affirmieren die veganen Tierrechtler diesen Prozess der Selbstzerstörung von Aufklärung und Zivilisation.
Statt einer Auflösung des Menschen in der Natur das Wort zu reden, gilt es, an der Idee des Menschen, das heißt: der Unterscheidung von Mensch und Tier, festzuhalten
und die Aufklärung unter Reflexion auf ihre rückläufigen Momente zu vollenden. Nur so ist der „wahrhaft menschliche Zustand“,
den Adorno und Horkheimer nicht in der Renaturalisierung des Menschen, sondern der Versöhnung von Mensch und Natur, Vernunft und Natur bzw. Zivilisation und Natur benannt haben, zu denken. Möglicherweise werden die Menschen in diesem Zustand
auf den Genuss von Fleisch verzichten. Wenn sie das aber tatsächlich tun sollten, dann werden sie diese Entscheidung nicht treffen, weil Mensch und Tier gleich sind, sondern aufgrund des Gegenteils: Weil nämlich der Mensch aufgrund seines Unterschieds
zum Tier zu Vernunft und zu Emphase fähig ist – und damit auch zum Mitleid mit der geschundenen Kreatur.

Manfred Beier / Andreas Halberstädter: Ich ess´Blumen (bonjour tristesse 1+2)


Ein kenntnisreicher Beitrag über neonazistische Tierechtler aus dem Umfeld der Autonomen Nationalisten und deren historische Vorbilder findet sich bei redok
Zudem sei noch ein Vortrag über das regressive Bedürfnis deutscher Tierfreunde empfohlen


12 Antworten auf „Emanzipation und „nichtmenschliche Tiere““


  1. 1 zapperlott 14. August 2007 um 15:37 Uhr

    Der Text in der bonjour tristesse ist einfach eine argumentfreie Polemik, die wild aufgeschnapptes durcheinandermixt, um einem Feindbildkonstrukt der »Tierfreunde« undifferenziert den Prozess zu machen. Der Text wartet noch auf eine detaillierte Zerlegung, Vorgedanken hier:
    http://zapperlott.blogger.de/stories/852672/

    Der Vortrag ist übrigens damit identisch und wurde in der Blogosphäre schon an verschiedenen Stellen kritisch kommentiert:
    http://brennessel.blogsport.de/2007/05/26/regressive-tendenzen-und-tendenzielle-regressionen/
    http://veg.gs/de/blog/view/363
    http://veg.gs/de/blog/view/368

    Gerade zur Frage, wie Versöhnung von Mensch und Natur möglich sei, sind Adorno und Horkheimer überhaupt nicht hurra-anthropozentrisch und feiern auch nicht bloß die gewalttätige Abgrenzung des Menschen von der »Natur« und dem Tier ab. Genausowenig wie die Versöhnung durch herrschaftliche Unterwerfung möglich ist. Aber soweit kommt die Polemik natürlich nicht. Da wird die Dialektik der Aufklärung mal eben in einen stumpfen Fortschrittsglauben umgelogen. Dazu sei das Buch zu empfehlen, was auch auf der verlinkten TAN-Seite beworben wird: Susann Witt-Stahl (Hrsg.): Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere. Aschaffenburg, 2007.

    Aber nein, mit sowas setzt man sich nicht auseinander – dann wär die ganze Polemik gefährdet, dann müsste man differenziert argumentiert und könnte nicht großspurig mit Vokabeln wie »Zivilisation« und »Aufklärung« herumwedeln, auf deren Seite man natürlich nur sich verortet, und allen anderen »regressive Bedürfnisse« unterstellen. Das ist nicht rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, das ist identitäre Kinderkacke.

  2. 2 zapperlott 14. August 2007 um 15:48 Uhr

    Der Knackpunkt ist wohl dieser (mal ein Zitat aus einem anderen Zusammenhang):
    »Indem der Dualismus von Naturbeherrschung oder Selbstunterwerfung unter die Natur als überhistorischer verstanden wird, scheint Fortschritt und Emanzipation des Menschen nur durch eine fortschreitende Natursubsumtion erreichbar. (…) Eine Akzeptanz dieses Dualismus stellt aber keine Lösung dar, denn jeder Versuch den Naturzwang zu brechen, indem Natur schrittweise gebrochen wird, führt in Form ökologischer Krisen stetig tiefer in den Naturzwang hinein und etabliert neue Abhängigkeiten.«
    http://schorsch.blogsport.de/2007/07/20/umweltschutz-und-naturbeherrschung/

  3. 3 tee 14. August 2007 um 16:00 Uhr

    der halle-vortrag ist wirklich der hammer. zum glück haben sich da schon viele (auch sog. antideutsche) drüber ausgelassen. beschissene hallenser streitigkeiten, die dann in einer „theoriebildung“ gipfeln, die eben peta und irgendwelche anderen sekten mit der tan gleichsetzen.

    nichtsdestotrotz, wer mal hören will, wie sich anti-antispeziesisten schön blamieren, sollte es sich reinziehen. lustig ist es allemal. indes habe ich das wenige im ansatz hörens- oder lesenswerte der polemiker hier niedergeschrieben. sonnenwind hatte sich auch schon ausgelassen.

  4. 4 tee 14. August 2007 um 16:17 Uhr

    Eine Kritik des tierlieben Aktivismus sollte sich vielmehr mit dem antispeziesistischen Axiom, der Nivellierung des Unterschieds zwischen Mensch und Tier, befassen […]

    nivellierung des unterschieds oder der gemeinsamkeiten?
    und solche sätze wie der hier:

    Mit ihrer Forderung nach der Gleichsetzung von Mensch und Tier affirmieren die veganen Tierrechtler diesen Prozess der Selbstzerstörung von Aufklärung und Zivilisation.

    sind für jede/n die/der sich auch nur ein klein wenig mit dem antispeziesismus aueinandergesetzt hat, nur ein lächeln wert. wer will denn gleichsetzen? so ein unfug!
    analog dazu wird der queer-theorie auch immer wieder unterstellt, sie wolle die geschlechter gleichsetzen und biologische unterschiede verwischen. das ist doch pöbel-kritik.

    dass das aber dann leider schon mal falsch interpretiert wird, dafür sorgen die antispeziesist/innen dann auch immer wieder.

  5. 5 subwave 14. August 2007 um 17:07 Uhr

    ich hab mich vor einem monat (?) auch schon mal daran versucht, war dann aber zu faul zum feinschliff und posting. aber hier ist wohl der richtige platz um es zumindest als fragment doch noch zu veröffentlichen:

    antispeziesismus? ein relikt der neunziger, als wir in jugendlichem durcheinander alle für fünf wochen mal vegan und/oder straight edge waren, als uns die tiere leid taten und wir der, in unseren augen, im konsumwahn befindlichen gesellschaft rebellenhaft verzichtsethik entgegensetzten. die menschen von damals sind heute zum teil noch vegan und/oder verzichten auf drogen, aber der menschenfeindlichen gleichsetzung von mensch und tier, dem nichtanerkennen des unterschiedes ums ganze zwischen naturhafter kreatur und gesellschaftlichem subjekt, sind sie nicht mehr verfallen. ganz anders die teilnehmer_innen einer „antispeziesistische nord-demo“ am 14. juli in lübeck, über die bei indymedia sowie in diversen blogs aus diesem spektrum berichtet wird. überrascht war ich nicht nur über den umstand, dass es sowas noch gibt, sondern auch darüber, dass die schwarz-grüne faust-und-pfoten-szene wie es scheint auch zur „modernisierung“ ihrer ideologie fähig ist. von singer oder der holocaustrelativierung in permanenz durch peta grenzt man sich durchaus ab. dafür bezieht man sich auf die „zivilisationskritischen schriften“ von adorno und horkheimer, was die bandbreite der rezeption der kritischen theorie durchaus erweitert und genau neben der postantideutschen indienstnahme von adorno/horkheimer bei der totalen überhöhung der westlichen zivilisation eingeordnet werden darf.

  6. 6 tee 14. August 2007 um 17:44 Uhr

    hehe, scheiss doch auf den feinschliff!

    […] ganz anders die teilnehmer_innen einer “antispeziesistische nord-demo” am 14. juli in lübeck […]

    um die gleichsetzung geht es sowieso nur in den allerseltensten fällen, das wird dem antispeziesismus immer als hochmoralisches gegenargument aufgedrückt, weil ja niemand menschenfeindlich sein will. aber gerade die teilnehmer/innen dieser demo sollen dazu zählen? naja …
    so zeigt gerade dieses argument den speziesismus selbst auf. andere spezies sind mit menschen nicht zu vergleichen und werden als niedere lebensformen angesehen, solidarisiert sich jemand allgemein mit unterdrückten spezies (also alle ausser dem menschen), so steht dieser mensch gleich als speziesverräter da, der sich in feindschaft gegen die eigene spezies wendet. (und da ist die analogie zu rasse und volk gar nicht soweit hergeholt)

    ich hab nun wenig in beide richtungen gelesen, weiss aber, dass anti-antispeziesisten meist nur ihrem bedürfnis nach einer königsspezies befriedigen und diese als wohlige gemeinschaft in abgrenzung zu allen anderen spezies zum ausdruck kommt.

    bin ein bissl durcheinander gekommen, aber drücke mal auf senden, denn feinschliff und so …

    ps: allerdings hast du mit dem letzten satz nicht ganz unrecht.

  7. 7 streifenstyle 14. August 2007 um 20:02 Uhr

    wie schön, werter subwave, dass du deine unvollendeten Werke, Fragmente in meiner Kommentarspalte veröffentlichst. Sehr schön, dass du auch deine rebellische Jugend (und rebellischer als meine) als Aufhänger gewählt hast.
    Ansonsten wohne ich ja im Gegensatz zu dir glücklicherweise in einer beschaulichen Kleinstadt, in der es zwar an verrückten Linken nicht mangelt, aber zumindest keine unangenehmen AntispeziesistInnen ihr Unwesen treiben.
    @tee: dein Zitat und die darauf folgende Frage erschließt sich mir nicht?

  8. 8 tee 14. August 2007 um 21:23 Uhr

    welche unterschiede werden nivelliert, die tatsächlich biologischen oder jene konstruierten, die eigentlich auf gemeinsamen biologischen eigenschaften basieren? so in etwa hatte ich mir die frage vorgestellt.

    aber auch fast egal, denn was mir erst nicht so sehr in’s auge fiel war, dass du ja von dem unterschied (wir wissen sicher alle welcher) schreibst. und da kann ich nur wiederholen, dass diese unterstellung nur auf die allerwenigsten antispeziesist/innen zutrifft (zumindest die, die ich persönlich oder schriftlich kenne).
    das ist ein totschlagargument, welches jeden diskurs sofort zum erliegen bringt.

    die antispes betonen doch oftmals sogar die besondere verantwortung des menschen (aufgrund dieses unterschieds) allen lebewesen gegenüber. und das immer im spannungsfeld der (speziesistischen) herrschaft bzw. einer art paternalismus des menschen.

    wirklich nivellieren im antispeziesistischen sinne lassen sich (gerade menn marx und adorno herangezogen werden) nur sekundäre unterschiede hin zu einer „bedürfnis“anerkennung aller lebewesen. oder so ähnlich. aber da diskutieren wir mal grad lieber nicht drüber …

  9. 9 jan 15. August 2007 um 13:05 Uhr

    ich übersetze mal für normalsterbliche, was der inhalt dieses blogeintrags ist:

    „mimimimi. mama, die wollen mir mein fleisch wegnehmen.“ mehr hast nicht gesagt. dein verständnisfreies pseudotheoriegepose nervt und dein hang zu veralgemeinerungen ist dumm. was würdest du denn sagen, wenn dir jemand unterstellen würde, dass du in allen einzelheiten mit justus wertmüller übereinstimmst?

    da du niemals von alleine auf diese ideen kommen würdest, will ich dir mal zwei dinge erklären:

    1. es gibt mensch, für die kein fleisch essen keinen verzicht darstellt. das ist keine selbstgeisselung. wenn jemandem schon beim gedanken an so etwas übel wird, dann ist es sogar ein lustgewinn es nicht essen zu müssen. ja, so etwas gibt es. es sind nicht alle menschen exakt wie du…

    2. ist dir schonmal die idee gekommen, dass dieses logo von der „antispeziezistischen aktion“ nicht als gleichsetzung mit antifaschismus gemeint ist, sondern lediglich als bezug darauf und zwar in abgrenzung von tierrechtlerInnen und v.a. tierschützerInnen, die die bestehenden verhältnisse als ganzes (i.e. der kapitalismus) nicht in frage stellen? gestern auf der antifademo waren diese buttons auch im dutzend zu sehen. seltsam, wo das doch alles fast nazis sind… entschuldige die polemik.

    3. du hast natürlich das recht dieses logo geschmacklos zu finden. es gibt jedoch auch viele die das tragen von nationalflaggen (oder deren einbindung in das a.a.-logo) geschmacklos finden und ihre begründungen sind auch nicht schlechter als deine. ich denke es kommt immer auf die situation bzw. auf die rezepienten an. und ich denke, dass keinE oder kaum einE holocaustüberlebendeR sich enrnsthaft von diesem logo angegriffen fühlt. ebenso wie ich denke, dass sich von den fraglichen nationalfahnen (zumindest in der brd) fast ausschließlich „die richtigen“ angegriffen fühlen. auch hier gilt: nicht jede meinung, die von deiner abweicht, ist falsch!

    4. zu guter letzt sei noch darauf hingewiesen, dass diese leute da in autonomenstil vielleicht wirklich autonome oder deren zeitgemäßeres update sind. es ist nämlich durchaus möglich autonom, vegan und antifaschistisch gleichzeitig zu sein.

    5. eins noch: dein schwarz-weiss denken ist binäre scheisse. dichotomien fördern immer fortschrittsfeindliches gedankengut, unterdrückung und ausbeutung (männer-frauen, deutsche-ausländer, weisse-schwarze, zivilisierte-primitive, hetero-homo etc. pp. weisste hoffentlich eh selbst..)

    für den kommunismus,

    jan

  10. 10 streifenstyle 15. August 2007 um 13:29 Uhr

    @jan: eigentlich werden an dieser Stelle jene Beiträge gelöscht, die nicht ein Mindestmaß an kultiviertem Benehmen und orthographischer Kenntnis aufweisen.

  11. 11 streifenstyle 15. August 2007 um 19:17 Uhr

    es passt nun wirklich nicht zu der angeregten, um Sachlichkeit bemühten Diskussion, aber dem geneigten Leser, der geneigten Leserin sei die folgende Nachricht nicht vorenthalten http://www.haaretz.com/hasen/pages/ShArt.jhtml?itemNo=893879&contrassID=1&subContrassID=1

  12. 12 tee 15. August 2007 um 19:22 Uhr

    vielleicht könntest du ja ausserhalb deines bestrebens nach einem kultivierten und orthographisch reinen blog auch mal auf die (mehr als berechtigten) einwände eingehen. ansonsten kann ich nämlich nur zapperlotts letztem satz aus dem 1. kommentar zustimmen …

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.