Kritik und Kleinstadt

Jochen Bruhn besucht auf Einladung des [a:ka] die idyllische Universitätsstadt an der Leine.

Vernunft und Barbarei -
Über die Begreifbarkeit des Nazifaschismus
Der Nationalsozialismus ist fraglos das Produkt der kapitalisierten Gesellschaft, die Konsequenz ihrer ureigenen Krise und ihres historischen Zusammenbruchs. Aber die Weise, wie der Nazismus als ableitbares Produkt gesetzt wurde, gibt zugleich das Gesetz seiner unableitbaren Autonomie, die in der Massenvernichtung der Juden kulminiert.
Als „objektive Gedankenform“ (Marx) ist der Antisemitismus mehr und anderes als Ideologie im landläufi gen Sinne:
Als Feindbestimmung und Staatsprogramm erzeugt er in Verfolgung und Mord die gesellschaftliche Synthesis. So ist der NS dem Kapital
im doppelten Sinne entsprungen, von ihm erzeugt und ihm zugleich entronnen: Es ist dieser Doppelcharakter des Nazismus, der ihn, je länger, je mehr, dazu trieb, sich als Gesellschaft eigener Ordnung zu radikalisieren, sich als Gesellschaftsformation sui generis zu konstituieren: als die Barbarei an und für sich.
Jeder Versuch, Auschwitz rational zu erklären, ist daher Rationalisierung, d.h. Injektion subjektiver Vernunft in einen Gegenstand, der sie als objektive nicht mehr enthält. Der Nazismus zerstört die Bedingungen der Möglichkeit, unter denen Gesellschaft als an sich und objektiv rationale erkennbar ist – und indem er diese Zerstörung leistet, demonstriert er, daß der Begriff der Vernunft eher der positivistischen Rationalität von Zweck und Mittel geschuldet war als materialistischer Dialektik.
Dieser Befund kann nicht zuletzt an den marxistischen Theorien über den Faschismus ausbuchstabiert werden, an Ernst Bloch und August Thalheimer, an Leo Trotzki und an Alfred Sohn-Rethel. Es zeigt sich sodann, warum die Quintessenz von „Hitlers Volksstaat“ – die Transformation der bürgerlichen Gesellschaft in das so klassenübergreifende wie die Klassen in sich negativ aufhebende Mordkollektiv der Deutschen – weder vom Standpunkt bürgerlicher noch in der Perspektive marxistischer Geschichtswissenschaft
kritisiert werden kann.
Wie die Kritik der nationalsozialistischen Mord- und Volksgemeinschaft vor diesem Hintergrund überhaupt in Angriff
genommen werden kann, darüber referiert
Jochen Bruhn von der Initiative Sozialistisches
Forum in Freiburg.

Im seinem Aufsatz über den „Nazismus als Erkenntnisfalle“
begründet Bruhn, „warum Geschichtswissenschaft die denkbar ungeeignetste Methode ist, Auschwitz zu verstehen“ [highly recommended reading]
Neulich erschienen und ebenso lesenswert ist Bruhns Aufsatz „Studentenfutter“ in der aktuellen Prodomo. In der vorherigen Ausgabe der Prodomo hatte Ingo Elbe den Vorwurf erhoben, die an Adorno orientierte Gesellschaftskritik laufe auf „Marxismus-Mystizismus“ und sei nichts weiter als „die Verwandlung der Marxschen Theorie in deutsche Ideologie“. Neben der Debatte um Marximus und Akademismus findet sich noch so mancher empfehlenswerter Beitrag in der aktuellen Prodomo, so ein Interview mitYaacov Lozowick und die „kurze Geschichte einer Ménage à trois “ über „Staat, Markt, Gesellschaft“. Kurzum: die aktuelle Pordomo, nunmehr Nummer sechs, hat mich rundum überzeugt, wenngleich ich dem Projekt anfangs ziemlich skeptisch gegenüberstand und die erste Ausgabe (ein Freund hatte sie mir von der Bahamas-Konferenz mitgebracht) eher mäßig fand. Seit Einstellung der Printausgabe ist die Prodomo unter prodomo_abo@yahoo.com zu bestellen.
Ein weiteres antideutsches Periodikum jüngeren Ursprungs ist die CCP (Zeitschrift gegen deutsche Zustände), benannt nach dem reslut antifaschistischen Papagei Winstons Churchills. Vor nunmehr drei Jahren als beschauliches Blatt mit Saarbrücker Antifa background gestartet, hat die CCP inzwischen eine beachtliche Qualität erreicht, als Beispiel seien David Schneiders „Anmerkungen zur Psychiatrie und zur Kritik ihrer Macht“ genannt.


1 Antwort auf „Kritik und Kleinstadt“


  1. 1 streifenstyle 03. August 2007 um 23:32 Uhr

    In Kürze: Im Anschluss an Horkheimers These, der NS bedeute das Ende der pol Ökonomie, bestimmte Bruhn den Nazifaschismus als Gesellschaftsformation eigener Qualität. Der „doppelte Bonapartismus“, d.h. die Auflösung der pol Organisationsformen sowohl der Bourgeoise als auch der Arbeiterklasse, im korporatistischen Volksstaat gefährdet die Reproduktionsfähigkeit des Kapitals, findet diese doch im „Klassenkampf “ letztlich ihre eigene Bedingung (so bedroht etwa das Streben nach Vergrößerung des absoluten Mehrwerts die physische Reroduktion der Arbeitskraft).
    Der Nazifaschismus ist durch die negative Dialektik seiner wirtschaftspolitischen Maßnahmen gekennzeichnet: angetreten, nach der großen Zusammenbruchskrise 1929 die Akkumulation wider in Gang zu setzen, treibt der NS Staat im Zuge der Programmierung der Ökonomie auf Raubkrieg unter massiver Schuldenpolitik auf die Barbarei zu (dazu: Scheit, Die Meister der Krise)
    …. mehr gibts morgen

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.