Archiv für August 2007

encore une fois

da dem Verfasser dieser Zeilen gegenwärtig nicht nach Schreiben zumute ist: erneut ein Foto zum Geburtstag meiner Göttinger Lieblingsadresse

la rue rouge

Seit einiger Zeit ist es im Kreis meiner Bekannten nicht unüblich, seinen dreißigsten Geburtstag zu begehen. Bereits ihren 35sten Geburtstag feierte an diesem Wochenende meine Göttinger Lieblingsadresse, die Rote null bis fünf, mit einer wilden Sause

Happy birthday!

Jungle World (25/07) : Der Kampf um die Rote Straße

Jetzt auch in Göttingen: „die Brechung der Zinsknechtschaft“

„Im zinstragenden Kapital ist daher dieser automatische Fetisch rein herausgearbeitet, der sich selbst verwertende Wert, Geld heckendes Geld, und trägt es in dieser Form keine Narben seiner Entstehung mehr. Das gesellschaftliche Verhältnis ist vollendet als Verhältnis eines Dings, des Geldes, zu sich selbst.“
MEW 25: 405

Paranoid ist zumeist das Weltbild des Kleinbürgers, autoritär seine Gesinnung. Fortwährend bedroht scheint das idyllische Leben, die Heimat, das Vaterland. Der Gefahren gibt es zuhauf und allerorten. Da gilt es, das Heft in die Hand zu nehmen, die Dinge nicht einfach ihren Lauf nehmen lassen. Stattdessen sich mit anderen zusammen tun, denn allein machen sie dich ein.
Ist der deutsche Kleinbürger ein rechter Deutscher, so fürchtet er beispielsweise die „kulturelle Amerikanisierung“ und engagiert sich im „Verein Deutsche Sprache“ . Alternativ kann er auch Unterschriften gegen ein Asylbewerberheim sammeln oder, darauf kommts nicht an, gegen den nächstbesten Moscheebau.
Ist der autoritäre Charakter eher links gestimmt, so fürchtet er insbesondere die von Vizekanzler Müntefering heraufbeschworen Heuschrecken, welche bekanntlich deutsche Arbeitsplätze vernichten. Oder er geht mit Lafontaines Linkspartei auf die Suche nach der nationalen Antwort auf die soziale Frage. Dennoch: Wahlen allein ändern nichts, man muss sich selbst zur Wehr setzen gegen allerlei neoliberale Unbill.
Wer von Wertvergesellschaftung keine Ahnung und mit der Kritik der Politischen Ökonomie nichts am Hut hat, den Markt jedoch als finstere Bedrohung empfindet, den zieht es zur “Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der BürgerInnen” , zu attac. Da lässt es sich begrifflos nörgeln über die „Macht des Kapitals“ und man teilt mit anderen den moralisierenden und dirigistischen Blick auf den Weltmarkt.
Brüder im Geiste findet der Attac-Aktivist bei den zahlreichen Tauschringen und Regionalgeld-Initiativen. Diese sind inspiriert von Silvio Gesell, einem deutsch-argentinischen Kaufmann, dessen gegen den Zins gerichtete ökonomische „Theorie“ – der Proudhon´schen nicht unverwandt- schlichtweg auf Antisemitismus hinausläuft.

In Göttingen ist nun der Augusta Regional e.V. als „Verein für gerechteres Wirtschaften“ mit seinem Anliegen an die Öffentlichkeit getreten, ein mit Bezug auf die Georg-August-Universität „Augusta“ genanntes Regionalgeld in Umlauf zu bringen. Den irrlichternden Kleinbürgern geht es darum, „ein Zeichen [zu] setzen für Marktwirtschaft und gegen Kapitalismus, praktisch wie ideell“. Schließlich sei dieser durch „Profitgier“ gekennzeichnet, den Gesellianern indes geht es um die „regionalen kleinen und mittleren Unternehmen“. Und mit dem räuberischen Zins könnte es ein Ende haben, denn, so freut man sich, „anders als bei einer herkömmlichen Bank könnte es für den Verleihenden allerdings schwierig werden, Zinsen für die geliehenen Augusta zu verlangen“. Das Schwundgeld soll darüber hinaus zu einem „ausgeprägteren „Wir-Gefühl“ in der Region“ führen. Von der ostzonalen no go area lernen heißt siegen lernen.
Die Pläne der Gesellianer scheinen weit voran geschritten zu sein: nach eigenen Angaben haben mehr als „20 Unternehmen der Region“ ihre Kooperation zusagt,sodass die Augusta Anfang Oktober in Umlauf kommen soll.

Lektüre:
Peter Bierl: Schwundgeld, Menschenzucht und Antisemitismus
ders.: Urstromtaler und Co. Wie man mit »Schwundgeld« dem Kapital zuleibe rücken will
ders.: Völkisches Empfinden

Die Theorie Gesells ist absurd bis zur Lächerlichkeit. Aber ihre Vertreter ködern dümmere Linke mit Verweis auf die angeblich durch Zins und Zinseszins ausgepreßten Massen im Trikont oder knüpfen an das Alltagsverständnis der Menschen an. Sie verteilen Bierdeckel, auf denen zu lesen steht, daß Bier zu 30 Prozent aus Zinsen besteht – gemeint ist der Bierpreis. Rechnet man etwa vier Prozent Alkohol im Bier dazu, ist das schon ein Drittel.

Nadja Rakowitz: Religion des Vulgären – Silvio Gesells „Natürliche Wirtschaftsordnung“

Als Kritik am – als unnatürlich empfundenen – Wachstum in kapitalistischen Gesellschaften soll gemäß der Vorstellung von Silvio Gesell eine „Natürliche Wirtschaftsordnung“ geschaffen werden, die dadurch gekennzeichnet ist, daß das Geld wieder von seiner „unnatürlichen“Potenz, sich ohne Arbeit vermehren zu können, also Zinsen zu erzielen, befreit werden soll. Damit wäre auch, so die Hoffnung der Freiwirtschafter, die Marktwirtschaft vom Kapital befreit. Als Kapital erscheint ihnen aber nur das Geld – bzw. Finanzkapital.

Nach der Änderung der Verhältnisse durch Abschaffung des Wuchers und der „Schmarotzer“, die von ihm leben, soll also eine freie, „natürliche“ Wirtschaft eingerichtet werden, in der wieder „wirkliche“ Äquivalente getauscht werden. Die Verteilung des Arbeitsertrages soll sich dabei – wie bei Proudhon – nach wie vor nach den Gesetzen des Wettbewerbs vollziehen: Die Verteilung soll in Gesells Modell bei freier Berufswahl nach Maßgabe persönlicher Fähigkeiten durch Nachfrage und Angebot geschehen. Die „natürliche“ Wirtschaftsordnung“ weist also folgende Charakteristika auf: Äquivalententausch, Privateigentum an Produktionsmitteln, Warenproduktion, Lohnarbeit, Wettbewerb, Akkumulation und Konkurrenz. Von einer kapitalistischen Wirtschaft soll sie sich nur dadurch unterscheiden, daß sie „reine“ Marktwirtschaft sein soll und es in ihr kein Privateigentum an Grund und Boden und keinen Zins und keine Zinsnehmer geben soll.
Dies ist die utopische Vorstellung von Gesell und seinen Anhängern.

Emanzipation und „nichtmenschliche Tiere“

Zu den Essentials adoleszenter Subkulturen in den 90ern, insbesondere der sich als links verstehenden HC Szene, gehörte eine vegetarische oder besser noch vegane Ernährungsweise. Ich weiß nicht, ob sich dem immer so verhält. Die mir bekannten VeganerInnen erachten ihre Ernährungsweise als eine Privatangelegenheit, die man respektiert wissen möchte und die darüber hinaus nicht ins Gewicht fällt und mit der man dementsprechend niemanden belangt.
Am Wochenende fielen mir auf einer Demonstration zwei im Autonomen-Stil gekleidete Jugendliche auf, die mit Aufnähern und Buttons für die „Antispeziesistische Aktion“ warben. Die Geschmacklosigkeit, das eigene tierrechtliche Engagement mit Antifaschismus zu assoziieren, lässt erahnen, was mit dem antispeziesistischen Ticket nur allzu oft verbunden ist: die Verharmlosung des Faschismus und die Relativierung der Shoah. Indes wissen sich theoretisch versierte AntispeziesistInnen (wie beispielsweise die Tierrechtsaktion Nord, die mit Adorno im Gepäck und Moshe Zuckermann im Bunde gegen das Leid der Tiere streitet) von unsäglichen Kampagnen wie PETAs „Der Holocaust auf deinem Teller“ abzugrenzen. Eine Kritik des tierlieben Aktivismus sollte sich vielmehr mit dem antispeziesistischen Axiom, der Nivellierung des Unterschieds zwischen Mensch und Tier, befassen und die von der Bahamas in einem anderen Zusammenhang aufgeworfene Frage stellen: das antispeziesistische Bedürfnis- woher kommt es und was will es von der Welt?

Mit ihrer Forderung nach der Gleichsetzung von Mensch und Tier affirmieren die veganen Tierrechtler diesen Prozess der Selbstzerstörung von Aufklärung und Zivilisation.
Statt einer Auflösung des Menschen in der Natur das Wort zu reden, gilt es, an der Idee des Menschen, das heißt: der Unterscheidung von Mensch und Tier, festzuhalten
und die Aufklärung unter Reflexion auf ihre rückläufigen Momente zu vollenden. Nur so ist der „wahrhaft menschliche Zustand“,
den Adorno und Horkheimer nicht in der Renaturalisierung des Menschen, sondern der Versöhnung von Mensch und Natur, Vernunft und Natur bzw. Zivilisation und Natur benannt haben, zu denken. Möglicherweise werden die Menschen in diesem Zustand
auf den Genuss von Fleisch verzichten. Wenn sie das aber tatsächlich tun sollten, dann werden sie diese Entscheidung nicht treffen, weil Mensch und Tier gleich sind, sondern aufgrund des Gegenteils: Weil nämlich der Mensch aufgrund seines Unterschieds
zum Tier zu Vernunft und zu Emphase fähig ist – und damit auch zum Mitleid mit der geschundenen Kreatur.

Manfred Beier / Andreas Halberstädter: Ich ess´Blumen (bonjour tristesse 1+2)


Ein kenntnisreicher Beitrag über neonazistische Tierechtler aus dem Umfeld der Autonomen Nationalisten und deren historische Vorbilder findet sich bei redok
Zudem sei noch ein Vortrag über das regressive Bedürfnis deutscher Tierfreunde empfohlen

Deutsche Kinder, arische Erziehung

Andreas Molau gilt neben Jürgen Gansel als einer der führenden Intellektuellen der NPD. Molau erlangte 1993 an der Universität Göttingen sein Staatsexamen mit einer apologetischen Arbeit über den NS-Ideologen Alfred Rosenberg. In der Folge war er neben seinem publizistischen Engangement für rechte Postillen als Lehrer an der Braunschweiger Waldorfschule angestellt. Inzwischen ist Molau als wissenschaftlicher Mitarbeiter des NPD-Vorsitzenden Voigt tätig.
Heute berichtete das Göttinger Stadtradio:

Der Spitzenkandidat der rechtsextremen NPD bei der kommenden niedersächsischen Landtagswahl, Andreas Molau, will angeblich einen Bauernhof in Südniedersachsen kaufen.
Er bestätigte entsprechende Pläne auf Anfrage des StadtRadios. Medienberichten zufolge will Molau ein sogenanntes „Waldorflandschulheim“ einrichten, in dem Kinder und Jugendliche mit völkisch-nationalistischem Gedankengut geschult werden sollen. Molau war bis zum Bekanntwerden seiner NPD-Mitgliedschaft Lehrer an der Waldorfschule in Braunschweig; der Verband der Waldorfschulen hat sich mittlerweile dagegen verwehrt, dass Molau ihren Namen weiterhin verwenden will. Der NPD-Funktionär ist Mitglied im Bundesvorstand der Partei und war stellvertretender Chefredakteur des Parteiorgans „Deutsche Stimme“. Laut Verfassungsschutz gehört Molau zum intellektuellen Flügel der NPD und versucht, rassistische und antisemitische Inhalte hinter einer gehobenen Sprache zu verbergen. Außerdem strebt er eine Zusammenarbeit mit islamistischen Gruppen an und beteiligte sich als einziger Deutscher an dem antisemitischen Holocaust-Karikaturenwettbewerb in Teheran.

Molaus Karikatur für seine Teheraner Kameraden hätte, wen wunderts, durchaus in dieser Form als Statement zum Libanonkrieg gleichermaßen in der jungen welt, der Deutschen Stimme oder bei Muslim-Markt erscheinen können.

Kritik und Kleinstadt

Jochen Bruhn besucht auf Einladung des [a:ka] die idyllische Universitätsstadt an der Leine.

Vernunft und Barbarei -
Über die Begreifbarkeit des Nazifaschismus
Der Nationalsozialismus ist fraglos das Produkt der kapitalisierten Gesellschaft, die Konsequenz ihrer ureigenen Krise und ihres historischen Zusammenbruchs. Aber die Weise, wie der Nazismus als ableitbares Produkt gesetzt wurde, gibt zugleich das Gesetz seiner unableitbaren Autonomie, die in der Massenvernichtung der Juden kulminiert.
Als „objektive Gedankenform“ (Marx) ist der Antisemitismus mehr und anderes als Ideologie im landläufi gen Sinne:
Als Feindbestimmung und Staatsprogramm erzeugt er in Verfolgung und Mord die gesellschaftliche Synthesis. So ist der NS dem Kapital
im doppelten Sinne entsprungen, von ihm erzeugt und ihm zugleich entronnen: Es ist dieser Doppelcharakter des Nazismus, der ihn, je länger, je mehr, dazu trieb, sich als Gesellschaft eigener Ordnung zu radikalisieren, sich als Gesellschaftsformation sui generis zu konstituieren: als die Barbarei an und für sich.
Jeder Versuch, Auschwitz rational zu erklären, ist daher Rationalisierung, d.h. Injektion subjektiver Vernunft in einen Gegenstand, der sie als objektive nicht mehr enthält. Der Nazismus zerstört die Bedingungen der Möglichkeit, unter denen Gesellschaft als an sich und objektiv rationale erkennbar ist – und indem er diese Zerstörung leistet, demonstriert er, daß der Begriff der Vernunft eher der positivistischen Rationalität von Zweck und Mittel geschuldet war als materialistischer Dialektik.
Dieser Befund kann nicht zuletzt an den marxistischen Theorien über den Faschismus ausbuchstabiert werden, an Ernst Bloch und August Thalheimer, an Leo Trotzki und an Alfred Sohn-Rethel. Es zeigt sich sodann, warum die Quintessenz von „Hitlers Volksstaat“ – die Transformation der bürgerlichen Gesellschaft in das so klassenübergreifende wie die Klassen in sich negativ aufhebende Mordkollektiv der Deutschen – weder vom Standpunkt bürgerlicher noch in der Perspektive marxistischer Geschichtswissenschaft
kritisiert werden kann.
Wie die Kritik der nationalsozialistischen Mord- und Volksgemeinschaft vor diesem Hintergrund überhaupt in Angriff
genommen werden kann, darüber referiert
Jochen Bruhn von der Initiative Sozialistisches
Forum in Freiburg.

Im seinem Aufsatz über den „Nazismus als Erkenntnisfalle“
begründet Bruhn, „warum Geschichtswissenschaft die denkbar ungeeignetste Methode ist, Auschwitz zu verstehen“ [highly recommended reading]
Neulich erschienen und ebenso lesenswert ist Bruhns Aufsatz „Studentenfutter“ in der aktuellen Prodomo. In der vorherigen Ausgabe der Prodomo hatte Ingo Elbe den Vorwurf erhoben, die an Adorno orientierte Gesellschaftskritik laufe auf „Marxismus-Mystizismus“ und sei nichts weiter als „die Verwandlung der Marxschen Theorie in deutsche Ideologie“. Neben der Debatte um Marximus und Akademismus findet sich noch so mancher empfehlenswerter Beitrag in der aktuellen Prodomo, so ein Interview mitYaacov Lozowick und die „kurze Geschichte einer Ménage à trois “ über „Staat, Markt, Gesellschaft“. Kurzum: die aktuelle Pordomo, nunmehr Nummer sechs, hat mich rundum überzeugt, wenngleich ich dem Projekt anfangs ziemlich skeptisch gegenüberstand und die erste Ausgabe (ein Freund hatte sie mir von der Bahamas-Konferenz mitgebracht) eher mäßig fand. Seit Einstellung der Printausgabe ist die Prodomo unter prodomo_abo@yahoo.com zu bestellen.
Ein weiteres antideutsches Periodikum jüngeren Ursprungs ist die CCP (Zeitschrift gegen deutsche Zustände), benannt nach dem reslut antifaschistischen Papagei Winstons Churchills. Vor nunmehr drei Jahren als beschauliches Blatt mit Saarbrücker Antifa background gestartet, hat die CCP inzwischen eine beachtliche Qualität erreicht, als Beispiel seien David Schneiders „Anmerkungen zur Psychiatrie und zur Kritik ihrer Macht“ genannt.