Archiv für Juli 2007

don´t look back in anger

Christian Worch gibt in Leipzig auf. Der „alte Haudegen“ (Worch über Worch) hat die Anmeldungen für je 2 Demonstrationen bis ins Jahr 2014 zurückgezogen. In seiner öffentlichen Erklärung mit dem schönen Titel „Frontbegradigung“ konstatiert er nicht ohne Wehmut:

Wir Deutschen waren mal ein Volk von Helden. Helden sind rar geworden in unserem Land! Leipzig war mal eine Heldenstadt. Helden sind auch in Leipzig rar geworden, genau wie im ganzen Land…

Die Verantwortung für diesen Schritt liege bei jenen Kameraden, die
„erstens systematisch und zweitens auch hinterrücks“ gegen ihn gearbeitet hätten. Spontan identifiziert sich Worch mit einem anderen großen Deutschen, gegen den sich die eigenen Volksgenossen einst verschworen:

Und daß dies alles am Tag nach dem 20. Juli geschah, verleiht ihm eine gewisse zusätzliche Würze.

Was Lafo so liest

Richard Herzinger, außenpolitischer Redakteur bei der „Welt am Sonntag“, über den Wortführer der deutschen Linken:

Um seine anachronistischen Ideen unter das Volk zu bringen, zitiert Lafontaine gerne alle möglichen Autoritäten herbei. Er begnügt sich dabei freilich nicht mit Klassikern wie Rousseau oder Ikonen der sozialistischen Bewegung wie dem französischen Sozialistenführer Jean Jaurès, dessen Diktum vom Anfang des 20. Jahrhunderts, nach dem ‚der Kapitalismus den Krieg in sich trage wie die Wolke den Regen‘, er zitiert, als sei es ohne weiteres auf gegenwärtige Konflikte wie die im Irak und Afghanistan übertragbar. Als Kronzeugen für seine krude Imperialismustheorie benannte er in einem Artikel für die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ jüngst auch niemanden anders Oswald Spengler, den nationalkonservativen Theoretiker des „Untergangs des Abendlandes“. Schon 1933, so Lafontaine, habe der diagnostiziert, dass die Weltpolitik vom Kampf um Rohstoffquellen gekennzeichnet sei.

Woraus Lafontaine ohne Nennung der Quelle zitiert, ist die Schrift „Jahre der Entscheidung“, mit der Spengler auf die Machtergreifung Hitlers reagierte. Zwar distanzierte sich Spengler darin von der nationalsozialistischen Rassenideologie, die von Hitler ausgelöste „nationale Revolution“ begrüßte der eingefleischte Gegner der Weimarer Republik jedoch emphatisch. Der Zweck dieser Schrift war das genaue Gegenteil dessen, was der angebliche Kriegsgegner Lafontaine mit seiner aus dem historischen Zusammenhang gerissenen Zitierung suggeriert. Spengler wollte damit den Imperialismus keineswegs verurteilen, sondern begründen, warum Deutschland nunmehr mit allen Mitteln den ihm angeblich zustehenden Platz unter den imperialistischen Mächten erkämpfen müsse.

Dass Lafontaine sich in seiner rhetorischen Raserei gegen den westlichen „Kapitalismus“ auch ungeniert solcher faschistischer Quellen bedient, blieb in der Öffentlichkeit unkommentiert.

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Das Narrenschiff

Heute mit dem „Göttinger Stadtinfo“ Goest, einem rustikal linken „nichtkommerziellen Online Magazin“, das sich kenntnisreich mit der Parole „fight agaist the krauts“ befasst.
In der Rubrik „neue Graffitis“ [sic] heißt es:

Es war der Schreiberin oder dem Schreiber der Zeilen vielleicht nicht bewußt, an welch passender Stelle der Spruch steht mit dem meist Engländer ihre Abneigung gegen Deutsche ausdrücken: „Fight against the Krauts“ (natürlich ebenso rassistisch wie z.B. Spaghettifresser oder ähnliches) aber hier passt es ziemlich gut, denn 88 ist für Nazis das Zeichen für „Heil Hitler“, weil der Buchstabe H der achte im Alphabet ist und somit HH als Abkürzung dient.

(Orthographie und Zeichensetzung im Original)

ist das noch feminismus?

Spontanes Shopping beim famosen Verbrecher-Verlag.
Dabei bin ich erneut auf Gisela Elsners Roman „Die Zähmung“ gestoßen.
Vor einigen Jahren hatte Jörg Sundermeier bei den Linken Buchtagen in Berlin anlässlich der Wiederveröffentlichung einige Kapitel des Romans vorgestellt. Kaufte mir anschließend das Buch und zähle es seither zu den eindrucksvollsten Romanen, die ich kenne.

“Die Zähmung” ortet im Rollentausch weder ein subversives Potenzial, noch hat Elsner eine Geschlechterposse fabriziert. Was bleibt ist einzig Unbehagen. Dass in der Vergangenheit weder Frauenbewegung noch literaturwissenschaftliche Genderforschung die Schriftstellerin entdeckten, verwundert erst einmal. Doch angesichts des damaligen Wunsches nach erbaulich-authentischen Bildern ist es (dann doch) einsichtig. Elsner aber (zer)stört dieses Bedürfnis. Wäre es um die Zähmung einer Frau gegangen, hätte es sich also um ein Identifikationsangebot gehandelt, “das der Leser schon auf der ersten Seite anzunehmen gezwungen gewesen wäre”, schreibt Tjark Kunstreich im Nachwort zur im Berliner Verbrecher Verlag erschienenen Neuauflage. Dagegen verstößt der Roman nach allen Regeln Elsners Kunst. Denn der Schriftstellerin ging es mitnichten darum, Beziehungsalternativen zu dieser Gesellschaft zu konstruieren.
Jutta Sommerbauerl / Context XXI

Ebenfalls im Verbrecher Verlag erschienen: Claudia Reinhardts „No place like home“ über das Aufwachsen in einer deutschen Kleinstadt.

Auf Reinhardts Homepage finden sich zudem einige Fotographien aus ihrem Buch „Killing Me Softly – Todesarten“, in dem sie die Suizide bekannter Schriftstellerinnen und Künstlerinnen re-inszeniert.

Ingeborg Bachman
1926-1973
österreichische Schriftstellerin, verbrannte in ihrem Bett, weil sie mit glühender Zigarette einschlief. Es ist bis heute nicht geklärt, ob es Selbstmord war oder ein tragischer Unfall.

Folge 1126: „Suppe“

Schon seit längerem kursiert ein Gerücht, demzufolge Klausi ein Trottel sei. Sein Verhalten in den letzten Wochen hat das nachhaltig bestätigt. Wir erinnern uns: Klausi hat eine Affäre mit Nastya (nur Mutter Beimer weiß zunächst davon). Nastya ist schwanger. Nina erfährt davon, verziert Nastyas Haustür mit dem plakativen Schriftzug „Hure“ und zerstört in Klausis Anwesenheit eine ordentliche Menge Geschirr.
Klausi reagiert auf die Geschehnisse um ihn herum mit einer scheußlichen Mischung aus Larmoyanz, Unbeholfenheit und Selbstviktimisierung. Seine Scheu, Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen, ermöglicht es selbst dem nachsichtigen Betrachter kaum, die nötige Empathie für ein wenig Mitleid aufzubringen. Klausi ist demonstrativ überfordert, leidet, aber: er ist ein egozentrischer Mistkerl.
Das heillose emotionale Chaos, das die vergangenen Folgen bestimmte, verdichtete sich in zwei Begegnungen, in denen das Zubereiten einer Mahlzeit dem Werben um Zuneigung gleichkommt:
1 Klausi kocht für Nina. Bekanntlich geht Liebe durch den Magen, vielleicht verhält es sich mit der Versöhnung gleichermaßen.
Klausis Liebste verschmäht indes die liebevoll dargebotene Speise, zieht den Pizzaservice vor. Klausi, fassungslos: „Aber Nina, ich habe doch für dich , für uns gekocht!“ Reichlich undankbar, diese Nina.

2 Nastya, schwanger und aufgrund ihrer aufgeflogenen Scheinehe von Abschiebung bedroht, klingelt bei Klaus und möchte für ihn kochen. „Du kannst doch jetzt nicht einfach kommen und Suppe kochen!“ Anschließend wagt Klaus die These, alles sei doch letztlich ihre, Natyas, Schuld. Ihm kam es eher ungelegen, dass Nastya einfach so schwanger wird. Wäre doch stressfrei gewesen, mit Nina eine glückliche Ehe zu führen und, so zur Abwechselung, eine Affäre mit ihrer besten Freundin zu haben.

So moralisierend das klingt für jene, die als Linke Beziehungen jenseits der Pärchen-Monogamie zu pflegen führen; d´accord, aber diese Standards gelten wahrlich nicht im Kosmos der Lindenstrasse, der Welt aufrichtiger Kleinbürgerlichkeit. Für Nina ist Treue unerlässlich und Klausi hat sie aufs Bitterste enttäuscht. Zudem ist sein Verhalten gegenüber Nastya unter aller Kritik.

Darüber hinaus bot die aktuelle Folge eine alberne, aber ausgesprochen unterhaltsame, turbulente Episode mit Marcella, Julian und Momo. Ein wildes Drama um Männlichkeit, Kastrationsphantasien und dem Werben um die Gunst einer schönen Frau, garniert mit charmant prolligen Sprüchen (Olli: „Das Chilli reicht vielleicht für 15 Kilo Reis, aber nicht für 90 Kilo Olli
Klatt!“) und reaktionären Beleidigungen ( Julian: „Jetzt kommt der Flohbus ab, Rastaman!“). Und all das in einem Münchener Eiscafé.