Requiem für eine Parole

Wer das Vergnügen hatte, in den späten 90ern auf Antifa-Demos zu verkehren, dürfte einen reichen Schatz peinlicher Parolen angesammelt haben. Sich derartige Perlen des lautstarken Straßenprotests in Reimform hin und wieder in Erinnerung zu rufen, stellt eine seltsame Form der Nostalgie dar: als kritische Kommunistin, als kritischer Kommunist vergegenwärtigt man sich all die Flausen, denen man einst nachhing: der Jugendlichkeit geschuldeter Unfug, der sich oftmals schlichtweg in konformistischem Rebellentum Geltung verschaffte.
Sicher: Parolen sind ein denkbar ungeeignetes Medium, um eine ernst zu nehmende Kritik zu vermitteln und das behauptet auch niemand. Jedoch lässt sich an so manch hübschem Spruch in komprimierter Form das wenig erbauliche Weltbild nachvollziehen, dem man sich einst verpflichtet sah: „Für die Bonzen steht ihr da, Marionetten- hahaha“, rief man mutig den behelmten Beamten entgegen, als man die Kritik der Politischen Ökonomie noch nicht vom Hörensagen kannte, aber dafür schon halbwegs fehlerfrei das Einmaleins linker Gesinnung nachzuplappern vermochte.
So manche Binsenweisheit des autonomen Antifaschismus der 80er und 90er („Tod dem Staatsterrorismus“) dürfte inzwischen weitgehend außer Mode sein: nicht weil die demofreudige Bewegungslinke unterdessen klüger geworden wäre, vielleicht aber weniger dumm- damit wäre auch schon so einiges gewonnen.
Kurzum: Demoparolen unterliegen schwer nachvollziehbaren Trends, sind aber ein gewisser Gradmesser für den jeweiligen state of mind der Linken und ihrer mannigfaltigen Fraktionen. Keine Ahnung, was die mehr oder weniger jungen Radikalen am Samstag skandiert haben: eines ist klar, die Krawalle in Rostock waren das definitive Ende einer Parole, die vermutlich ohnehin in Vergessenheit geraten war, mir allerdings immer noch als eine worst of-Parole, als Triumph der Peinlichkeit in Erinnerung blieb: „Wo, wo, wo wart ihr in Rostock?“ schallte es jahrelang reichlich sinnfrei und grammatikalisch gewagt deutschen Polizisten entgegen- der empörte Verweis darauf, dass die Staatsmacht im August 1992 den rassistischen Mob tagelang in Lichtenhagen gewähren ließ.
Jetzt hat die Parole ausgedient, denn mit Rostock sind Riot Bilder verbunden. Man ist stolz darauf, sich aufs Heftigste mit der Staatsmacht gebalgt zu haben und darauf, für ein bis zwei Tage durch das kollektive Entzünden von Kleinwagen und Mülltonnen Thema in der internationalen Presse zu sein. Stolz darauf, dem archimedischen Punkt der „Bewegung“, den Auseinandersetzungen in Genua, nahe gekommen zu sein.


18 Antworten auf „Requiem für eine Parole“


  1. 1 sceptical-j 03. Juni 2007 um 23:37 Uhr

    Ja, die Parolen. Wohl jede Parole ist gruselig, wenn man sich vor Augen führt, mit was für Personen um einen herum man sie skandiert. Individualität goodbye, das ist wohl mit jeder Form der politischen Organisation in Gruppen und Massen so. Dieses Massenerlebnis wird ja auch im Begriff der „kraftvollen Demonstration“ verherrlicht, zu der ja Sprechchöre gehören. Aber gerade “Wo, wo, wo wart ihr in Rostock?” halte ich für eine gute Parole, zumindest war sie es früher. Während die abstrakten Parolen in der Tat nur Gesinnungseinmaleins darstellen und die konkretistischen meist peinlich bis antisemitisch sind, wird hier für sich genommen nur ein konkreter Skandal schlicht benannt und nicht auf ein Abstraktum reduziert. Kein Bekenntnis wird verlangt, sondern nur Rostock-Lichtenhagen und das Verhalten der Staatsmacht angeprangert. Wer das nicht teilen kann, der ist wohl keiner Erfahrung mehr fähig und die Aufklärung ist am Ende. Naja, ich hätte die Vergangenheitsform benutzen müssen, die Parole ist Geschichte.

    Oder halt. Nachdem ich, schaulustig wie ich bei solchen Ereignissen bin, das Youtube-Video http://www.youtube.com/watch?v=fo8UJOfisbg gesehen habe, bekommt sie einen neuen Sinn. Im Video wird in der zweiten Hälfte von einem Lauti oder einer Bühne ein wahres Volkslied gespielt, in dem in Sinne eines Pespi-oder-Coke-Vergleichs auch „… zwischen Ronald McDonald und Hitler, sie haben die Wahl, …“
    gesungen wird. Wo sind da die Leuten, die noch einen Funken Vernunft haben? Wäre mich echt egal, ob es Antifas oder die Polizei gewesen wären, die den Lauti oder die Bühne stürmen.

  2. 2 smu 04. Juni 2007 um 10:31 Uhr

    ich hab noch einen: „nur für Arbeit gibt es Lohn, Bullen in die Produktion“.

  3. 3 langsam reichts 04. Juni 2007 um 12:04 Uhr

    „samstag frei für die polizei“

  4. 4 streifenstyle 04. Juni 2007 um 16:54 Uhr

    zwischen Helm und Nasenbein passt immer noch ein Pflasterstein!

  5. 5 peter, paul & mary 04. Juni 2007 um 17:46 Uhr

    In Reminiscenz an die Unterscheidung Mensch und Schwein durch RAF & Co „Hopp, hopp, hopp – Schweine im Galopp“.

  6. 6 chris 05. Juni 2007 um 10:32 Uhr

    „hinter dem faschismus steht das kapital-
    der kampf um die befreiung ist international!“

    -- da rollen sich die fußnägel hoch --

  7. 7 blubb 05. Juni 2007 um 11:46 Uhr

    interessant finde ich hier eher die differenz zwischen verschiedenen parolen, von schlicht dämlich bzw falsch und verkürzt und wenn verkürzt wo die trennlinie sozusagen steht zwischen noch ganz ok und geht garnicht.

    z.b. das zuletzt zitierte hinter dem faschismus…blabla
    finde ich auch recht furchtbar. falsch ist an dem slogan natürlich erstmal nichts (der faschismus ist ein phänomen das aus dem kapitalismus entstanden ist/entstehen kann und der kampf um befreiung gedeutet als bewegung zur aufhebung der verhältnis etc ist natürlich nur international denkbar), der ist eben verkürzt und trotzdem irgendwie naja zuviel des guten bzw zu arg verflacht…

  8. 8 subwave 05. Juni 2007 um 11:47 Uhr

    „u ess aaaaaaaaaaaaaaaaah – internationale völkermordzentrale“
    mein fave der eckelhaftesten parolen. absurder und reaktionärer geht es nicht von „links“.

    im übrigen sind parolen, egal wie antideutsch sie klingen mögen, eh als postpubertärer quatsch abzutun. ähnliches gilt für demonstrationen.

  9. 9 soft-brain 05. Juni 2007 um 12:25 Uhr

    Wie süß. Subbi ist erwachsen geworden.

  10. 10 subwave 05. Juni 2007 um 12:49 Uhr

    du doch auch softie, oder etwa nicht?

  11. 11 soft-brain 05. Juni 2007 um 13:47 Uhr

    Also wenn erwachsen werden sowas: „im übrigen sind parolen, egal wie antideutsch sie klingen mögen, eh als postpubertärer quatsch abzutun. ähnliches gilt für demonstrationen.“ bedeutet, dann ganz klar nein, ich bin nicht erwachsen geworden :P

  12. 12 subwave 05. Juni 2007 um 14:28 Uhr

    das wird schon noch ;)

  13. 13 partisan 07. Juni 2007 um 0:05 Uhr

    ey hoischrecke, die parole „wo ward ihr in rostock!“ hat eher an aktualität gewonnen. beim fußballspiel letzten sonntag waren die mädels & jungs in grün auf jeden fall wenig erbaut über die sprüche.

    ansonsten ist der schlimmste ja wohl:

    „bürger lasst das glotzen sein, reiht euch in die demo ein.“

    aber ich will nicht weiter nachdenken, sonst fällt mir da zu viel ein!

    @sub: geh mal wieder auf die straße, du oppa!

  14. 14 streifenstyle 07. Juni 2007 um 21:37 Uhr

    @ sceptical j: erstmal danke für den schönen kommentar.
    wegen der Restvernunft: der ums ganze Fraktion mag man durchaus einige kritische Mindeststandards zubilligen, aber wenn es um antifaschistische Praxis ginge, hätten sie erstmal eine Massenkeilerei mit dem Palästina-Block anfangen müssen.
    zu deiner Kritik der Parolen-Kritik:
    Zweifelsohne war es ein unglaublicher Skandal, dass die Staatsmacht in Rostock rassistische Zonis gewähren ließ, allerdings ist die „Schämt euch“ -Attitüde der Parole wahrlich daneben. Zumal sie suggeriert, das Agieren einer Institution wie dem Polizeiapparat sei abhängig von dem konkreten Willen einzelner, die in diesem Fall keineswegs Entscheidungsträger sind.

  15. 15 Keta Minelli 18. Juni 2007 um 20:21 Uhr

    @ streifenstyle: den vorwurf an umsganze, sie hätten eine „massenkeilerei“ mit dem palästinablock anfangen sollen, den hast du doch schon aus dem unterirdischen adf-forum abgeschrieben, gelle? das ist nämlich so doof, dass ich einfach nicht glauben möchte, dass sich sowas gleich verschiedene leute gleichzeitig ausdenken. das ist das ist das so ziemlich stumpfeste (post)antideutsche identitätsrumgemackere, was mir in den letzten jahren unter die augen gekommen ist. sorry.

  16. 16 streifenstyle 18. Juni 2007 um 21:25 Uhr

    @werteR keta: mit verlaub, die vehemenz deiner antwort erschließt sich mir nicht. aber davon mal abgesehen:
    1. abschreiben: not my style.
    2. scheint in Zeiten von web 2.0 Ironie nur noch verstanden zu werden, wenn man durch infantile emoticons explizit darauf hinweist.
    3. ist doch offenkundig, dass bei „ums ganze“ teilweise recht korrekte KommunistInnen mitmachen, die natürlich keineswegs Bock auf solche rabiate AntizionistInnen haben: wer nach Rostock fuhr, wusste natürlich, mit wem er/sie dort demonstriert und dass man auf widerliche
    Israelhasser trifft.

  17. 17 Keta Minelli 19. Juni 2007 um 10:27 Uhr

    okay, mal wieder meine wortwahl nicht im griff gehabt. das kann aber auch mal vorkommen, so montags. ich führe mal aus:
    ich bin der meinung, es gibt durchaus respektable gründe gegen die zustände in israel, im gaza-streifen oder dem westjordanland auf die strasse zu gehen. das leid der menschen dort ist einer. das eintreten für das existenzrecht israels und die unversehrtheit der dort lebenden menschen ein anderer. mir ist durchaus bewusst, wie die sogenannte „palästina-solidarität“ in deutschland aussieht, und ja, da ist so mancher dabei, dem ich gerne mal eins auf die mütze geben würde – so ich das in der vergangenheit nicht eh schon getan habe. ich glaube aber nicht, dass irgendwem damit geholfen ist, wenn man auch den letzten hängengebliebenen menschenrechtsaktivisten als blutdürstigen antisemiten bezeichnet und damit zum abschuss freigibt.
    was der umsganze-block in rostock versucht hat, war, statt linkem gruppenkuscheln eine radikale kritik zu formulieren, die nicht hinter das zurückgeht, was in den letzten zehn jahren erarbeitet wurde. auch deshalb wurden auf der demo – gerade auch am rande des palästina- und antiimpblocks – und auf den camps tausende mehrsprachige flugblätter verteilt, auf denen klargemacht wurde, was man von hamas und co hält. diese flugblätter sind auf relativ große – auch internationale – resonanz gestoßen. ein angriff auf den paliblock wäre das dümmste – und von daher adf-adäquate – mittel gewesen, ssich politisch auszudrücken.
    und dass ich gerade so ironiefrei bin, daran sind natürlich die verhältnisse schuld. oder die bar25.

  18. 18 supst 30. Juni 2007 um 13:28 Uhr

    Auf dem G8 (vorallem bei der Gedenkkundgebung in Lichtenhagen und der Migrationsdemo) hieß die Parole: „Wo, Wo wo wart ihr ’92″.
    Gerichtet an die Bullen und skeptisch guckende Anwohner.
    War spaßig.

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