Kritik und Alltag

Gestern Vortrag von Ingo Elbe zur Kritik der marxistischen Staatstheorie: souverän und kenntnisreich, an Paschukanis orientiert, aber eben nix neues. Elbe ist ein kluger Kopf und guter Referent, allerdings als Marxologe nicht gerade der Polemik zugeneigt. Die anschließende Diskussion war gänzlich unergiebig: die verschiedenen Fraktionen der Göttinger Linken tauschen die altbekannten Argumente aus, warum es „total wichtig“ oder eben „voll daneben“ sei, nach Heiligendamm zu fahren. Vertreter von „ums ganze“ verweisen auf den famosen „Resonanzboden“, den die „anpolitisierten Jugendlichen“ darstellen.
Der dem Vortrag zugrunde liegende Aufsatz von Elbe findet sich bei der Roten Ruhr Uni.
Wer noch nicht genug hat von der Kritik der G8-Proteste, dem sei das aktuelle Pamphlet des [a:ka] empfohlen:

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was vor dem G8-Gipfel in den Köpfen der Sportfraktion vor sich geht: Da laufen heroische Filme ab von vergangenen Riots in Prag, in Stockholm oder in Genua; da entstehen Bilder von der schönsten Randale, der Konfrontation mit den Bütteln des Weltkapitalismus, der größten Medienöffentlichkeit, die Linke sich nur wünschen können.
Klügere Antifagruppen haben schon angemerkt, dass bei all der Vorfreude auf den großen Knall die Reflexion nicht vollständig geopfert werden sollte, dass schließlich nicht acht Staats- und Regierungschefs den Kapitalismus machten, und dass es – horribile dictu – gar antisemitisch sei, sich den Sturm auf das Großkopferten-Meeting als Sturm auf das Kapital als gesellschaftliches Verhältnis zurechtzubiegen. Aber auch die Kritiker einer allzu platten Globalisierungskritik finden noch Gründe, warum es trotzdem sinnvoll und wichtig sein soll, sich in Heiligendamm mit den anwesenden Uniformierten zu prügeln.
Auch wir haben uns entschieden, zum Boykott aufzurufen – aber nicht zum Boykott des Gipfels, sondern des Widerstands. Die Forderung lautet: Unten bleiben! Kommunisten und andere Kritiker der falschen Gesellschaft haben beim Gipfelsturm nichts verloren! Wir wollen diese Haltung begründen und beginnen mit der Kritik des Kapitals. Denn die ist von der Kritik seiner falschen Gegner nicht zu trennen.

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5 Antworten auf „Kritik und Alltag“


  1. 1 subwave 01. Juni 2007 um 17:08 Uhr

    da haben wir ja zur gleichen zeit einen hinweis auf den gleichen text gebloggt. jeder etwas längere text vom a:ka ist ja immer ein bischen wie weihnachten…

  2. 2 streifenstyle 01. Juni 2007 um 18:01 Uhr

    Jaja das aka hat immer Recht…

  3. 3 blubb 03. Juni 2007 um 19:44 Uhr

    irgendwie wird das aka wenige menschen überzeugt haben… wenn son text überhaupt erst ein tag vor der ersten antig8demo herauskommt… schlechtes timing…
    aber da man vermutlich eh glaubt niemanden überzeugen zu können (oder zu wollen?), ist das widerrum auch egal… zum auf die schulter klopfen reichts allemal…

    immerhin sind im text einige sehr amüsante stellen, hat mich erheitert…

  4. 4 streifenstyle 03. Juni 2007 um 21:10 Uhr

    Falls das aka nicht davon ausginge, jemanden überzeugen zu können, würden sie sich die Kopierkosten einfach gespart haben. Dem Vernehmen nach handelt es sich bei der Gruppe nicht um einen Kreis gelangweilter Ex-Linker, die nichts besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen: sie verfolgen vielmehr einen Zweck mit diesem Flugblatt.
    Der Zeitpunkt erscheint mir nicht problematisch: sicher war der Text nicht als Entscheidungshilfe für noch Unentschlossene gedacht. Vielmehr widmet er sich zum einen der längst überfälligen Kritik des notorischen „ums ganze“ Bündnisses und trägt somit dazu bei, die kommunistische Kritik an der G8-Mobilisierung zu schärfen. Denn allzu oft plappern Antideutsche nur die üblichen Stichworte nach, die zum guten Ton gehören: struktureller [sic!] Antisemitismus, die Nazis würden ja auch gegen Imperialismus demonstrieren etc. Alles Argumente, von denen sich der als reflektiert geltende Teil des Protests nicht tangiert sieht.
    Ein besonders trauriges Beispiel antideutscher Kritik an den Rostocker Protesten findet sich hier: http://www.komplex-schwerin.de/index02062007.htm

  5. 5 ringelstyle 13. Juni 2007 um 11:15 Uhr

    wer auch sonst nicht genug bekommen kann, dem sei der vortrag von mad köln zum g8 spektakel (der zweite hauptteil dreht sich dann auch genau um dieses spektakel) ans herz gelegt:

    http://mad-koeln.de/g8-referat.html

    gefällt mir sehr gut und auch der vortrag war eine feine sache

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