Archiv für Juni 2007

Saul Friedländer

Derzeit lese ich „Die Jahre der Verfolgung“, den ersten Teil von Saul Friedländers magnum opus „Das Dritte Reich und die Juden“.

Eine lesenswerte Rezension Gehard Scheits findet sich in der Jungle World 09/2007:

Das Entsetzen in der Erinnerung nicht preiszugeben, formuliert schon das Vorwort als Programm und wendet sich damit gegen die geläufige Historisierung, gegen »das Ziel des historischen Wissens«, »die Fassungslosigkeit zu domestizieren, sie wegzuerklären«.
Das Buch versucht, Geschichte zu schreiben, wie Claude Lanzmann seine Filme macht: geleitet von Erfahrung, mit der aber nicht Unmittelbarkeit vorgegaukelt wird, die vielmehr fortwährend reflektiert

In der FAZ veröffentlichte die Schriftstellerin Katharina Hacker eine Würdigung Friedländers voll tiefer persönlicher Zuneigung; an Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen orientiert und zur Lektüre empfohlen.

„Das Dritte Reich und die Juden“ ist über die Bundeszentrale für politische Bildung für 6 Euro zu beziehen [more]

ne touche pas ma maison

Unter dem schönen Titel „Der Kampf um die Rote Straße“ berichtet die Jungle World in ihrer aktuellen Ausgabe über die in ihrem Bestand gefährdeten linken Wohnprojekte in Göttingen.

Die Häuser in der Roten str & Burgstr, im Kreuzbergring, der Gotmar- und Goßlerstr haben sich in der Kampagne „Here to stay“ zusammengeschlossen. Den über 100 BewohnerInnen geht es um den Erhalt der bestehenden Mitververhältnisse und nicht zuletzt darum, zu verhindern, „dass auch Göttingen zu einem studentisch geprägten Provinzkaff mit öde konformistischem Klima wird, wie dies in manch anderer einstmals „linken Unistadt“ schon längst geschehen ist. “
In dem ersten Flugblatt der Kampagne skizzieren sie ihr politisches Selbstverständnis:

Mehr oder weniger selbstbestimmte Wohnformen sind zwar keineswegs, wie Freiraum-RomatikerInnen einst hofften, die Vorwegnahme eines Besseren im schlechten Bestehenden. Die so beliebte Forderung nach dem „selbstbestimmten Leben“ ist im Hier und Jetzt, angesichts von Staat und Kapital, nicht einzulösen. Jedoch bieten solche Häuser zumindest die Möglichkeit, sich innerhalb dieser Verhältnisse kollektiv das Leben so „selbstbestimmt“ wie eben möglich zu gestalten. Die Vorstellungen leitender Funktionäre des Studentenwerkes zielen auf etwas anderes ab: ordentlich durchorganisiert soll das Wohnen ablaufen, mit Einzelmietverträgen und Wohnzeitbegrenzung. Eine deratige „Umstrukturierung“ wurde schon in mehreren Häusern problemlos durchgesetzt und so soll es demnächst auch mit den noch verbliebenen selbstverwalteten Häusern geschehen.
Wir begreifen dies jedoch keineswegs als einen Prozess, der sich gegen unsere Interessen und ohne unsere Zustimmung einfach so vollziehen wird. Stattdessen ist für uns dieser vermeintliche Verwaltungsakt eine politische Auseinandersetzung. Die Häuser in der Roten Straße, der Goßlerstraße, im Kreuzbergring und der Gotmarstraße würden in dieser Form nicht existieren, wären sie nicht im Zuge der Besetzung in den 70er Jahren und den folgenden Konflikten erkämpft worden. Und ebenso ist für uns klar, dass es diese Form des Zusammenwohnens zu erhalten, zu verteidigen gilt. Dabei ist eine geplante Abwicklung der derzeitigen kollektiven Wohnstrukturen keine Tatsache, die es zu akzeptieren gilt und die lediglich im Detail zu unseren Gunsten aushandelbar wäre. Jeden Eingriff in den Status Quo betrachten wir als eine qualitative Verschlechterung unserer Wohnsituation, eine Verschlechterung, die wir nicht einfach hinnehmen werden.

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Black bloc

Die Riots am Samstag und die hysterische Berichterstattung über den schwarzen Block haben mir einen hübschen Popsong der Aeronauten in Erinnerung gerufen.

Meine Freunde sagen mir
ich solle mit ihnen gehn
sie schlagen die Faschisten und ficken das System
sie schreiben überall Sachen an die Wand
und hören Musik aus dem Baskenland
doch ich möchte eine Freundin
ich möchte lieber ein Mädchen kennen lernen
ich möchte eine Freundin
ich möchte lieber ein Mädchen kennen lernen

Die Band steht in der Ecke
und sie spielen wieder Punkrock
gegen den Klassenfeind
und für den revolutionären Block
die anderen hängen auf dem Fenstersims
und warten weiter auf die Naziskins
doch ich möchte eine Freundin
ich möchte lieber ein Mädchen kennen lernen

ich möchte eine Freundin
ich möchte lieber ein Mädchen kennen lernen

Requiem für eine Parole

Wer das Vergnügen hatte, in den späten 90ern auf Antifa-Demos zu verkehren, dürfte einen reichen Schatz peinlicher Parolen angesammelt haben. Sich derartige Perlen des lautstarken Straßenprotests in Reimform hin und wieder in Erinnerung zu rufen, stellt eine seltsame Form der Nostalgie dar: als kritische Kommunistin, als kritischer Kommunist vergegenwärtigt man sich all die Flausen, denen man einst nachhing: der Jugendlichkeit geschuldeter Unfug, der sich oftmals schlichtweg in konformistischem Rebellentum Geltung verschaffte.
Sicher: Parolen sind ein denkbar ungeeignetes Medium, um eine ernst zu nehmende Kritik zu vermitteln und das behauptet auch niemand. Jedoch lässt sich an so manch hübschem Spruch in komprimierter Form das wenig erbauliche Weltbild nachvollziehen, dem man sich einst verpflichtet sah: „Für die Bonzen steht ihr da, Marionetten- hahaha“, rief man mutig den behelmten Beamten entgegen, als man die Kritik der Politischen Ökonomie noch nicht vom Hörensagen kannte, aber dafür schon halbwegs fehlerfrei das Einmaleins linker Gesinnung nachzuplappern vermochte.
So manche Binsenweisheit des autonomen Antifaschismus der 80er und 90er („Tod dem Staatsterrorismus“) dürfte inzwischen weitgehend außer Mode sein: nicht weil die demofreudige Bewegungslinke unterdessen klüger geworden wäre, vielleicht aber weniger dumm- damit wäre auch schon so einiges gewonnen.
Kurzum: Demoparolen unterliegen schwer nachvollziehbaren Trends, sind aber ein gewisser Gradmesser für den jeweiligen state of mind der Linken und ihrer mannigfaltigen Fraktionen. Keine Ahnung, was die mehr oder weniger jungen Radikalen am Samstag skandiert haben: eines ist klar, die Krawalle in Rostock waren das definitive Ende einer Parole, die vermutlich ohnehin in Vergessenheit geraten war, mir allerdings immer noch als eine worst of-Parole, als Triumph der Peinlichkeit in Erinnerung blieb: „Wo, wo, wo wart ihr in Rostock?“ schallte es jahrelang reichlich sinnfrei und grammatikalisch gewagt deutschen Polizisten entgegen- der empörte Verweis darauf, dass die Staatsmacht im August 1992 den rassistischen Mob tagelang in Lichtenhagen gewähren ließ.
Jetzt hat die Parole ausgedient, denn mit Rostock sind Riot Bilder verbunden. Man ist stolz darauf, sich aufs Heftigste mit der Staatsmacht gebalgt zu haben und darauf, für ein bis zwei Tage durch das kollektive Entzünden von Kleinwagen und Mülltonnen Thema in der internationalen Presse zu sein. Stolz darauf, dem archimedischen Punkt der „Bewegung“, den Auseinandersetzungen in Genua, nahe gekommen zu sein.

Kritik und Alltag

Gestern Vortrag von Ingo Elbe zur Kritik der marxistischen Staatstheorie: souverän und kenntnisreich, an Paschukanis orientiert, aber eben nix neues. Elbe ist ein kluger Kopf und guter Referent, allerdings als Marxologe nicht gerade der Polemik zugeneigt. Die anschließende Diskussion war gänzlich unergiebig: die verschiedenen Fraktionen der Göttinger Linken tauschen die altbekannten Argumente aus, warum es „total wichtig“ oder eben „voll daneben“ sei, nach Heiligendamm zu fahren. Vertreter von „ums ganze“ verweisen auf den famosen „Resonanzboden“, den die „anpolitisierten Jugendlichen“ darstellen.
Der dem Vortrag zugrunde liegende Aufsatz von Elbe findet sich bei der Roten Ruhr Uni.
Wer noch nicht genug hat von der Kritik der G8-Proteste, dem sei das aktuelle Pamphlet des [a:ka] empfohlen:

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was vor dem G8-Gipfel in den Köpfen der Sportfraktion vor sich geht: Da laufen heroische Filme ab von vergangenen Riots in Prag, in Stockholm oder in Genua; da entstehen Bilder von der schönsten Randale, der Konfrontation mit den Bütteln des Weltkapitalismus, der größten Medienöffentlichkeit, die Linke sich nur wünschen können.
Klügere Antifagruppen haben schon angemerkt, dass bei all der Vorfreude auf den großen Knall die Reflexion nicht vollständig geopfert werden sollte, dass schließlich nicht acht Staats- und Regierungschefs den Kapitalismus machten, und dass es – horribile dictu – gar antisemitisch sei, sich den Sturm auf das Großkopferten-Meeting als Sturm auf das Kapital als gesellschaftliches Verhältnis zurechtzubiegen. Aber auch die Kritiker einer allzu platten Globalisierungskritik finden noch Gründe, warum es trotzdem sinnvoll und wichtig sein soll, sich in Heiligendamm mit den anwesenden Uniformierten zu prügeln.
Auch wir haben uns entschieden, zum Boykott aufzurufen – aber nicht zum Boykott des Gipfels, sondern des Widerstands. Die Forderung lautet: Unten bleiben! Kommunisten und andere Kritiker der falschen Gesellschaft haben beim Gipfelsturm nichts verloren! Wir wollen diese Haltung begründen und beginnen mit der Kritik des Kapitals. Denn die ist von der Kritik seiner falschen Gegner nicht zu trennen.

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