Archiv für Februar 2007

Hoch die internationale Solidarität

Unter dem klugen Titel „Linksextreme Bombenlegerin gefasst“ berichtet die „Welt“ von der Festnahme einer 52jährigen Frau aus München. Ihr wird zur Last gelegt, seit August 2006 elf Bombenattrappen in Zügen der Deutschen Bahn und der Münchner Verkehrsgesellschaft deponiert zu haben. Die Polizei hält sie aufgrund von DNA-Spuren auf einer der Bombenattrappen für überführt. Die Frau habe laut Geständnis den Fahrgästen die gleiche Angst einjagen wollen, wie sie die Bevölkerung in den Kriegsgebieten im Nahen Osten empfindet.

Die Frau war laut Polizeiangaben bereits mehrfach als extrem antiamerikanisch und pro-arabisch aufgefallen. In den Vernehmungen räumte sie ein, rund 200 ebenfalls politisch motivierte Schmierereien an U-Bahnen, Straßenbahnen und Haltestellen in München angebracht zu haben.

No one has ever looked so dead

The organ: Love, Love, Love

Heimatfront: encore une fois

Am 14. Februar fand in Göttingen eine Podiumsdiskussion mit einem Vertreter des [a:ka] und dem Intendanten des Jungen Theaters statt. Nachdem Emanzipation-oder-Barbarei bereits eine lesenswerte Zusammenfassung der Diskussion veröffentlicht hat, sei an dieser Stelle noch auf das Input- Referat des [a:ka] verwiesen.
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Theodor W. Adorno

„Erziehung nach Auschwitz“

Deutsche Heiterkeit

Glücklicherweise wohne ich seit dreieinhalb Jahren in einer Stadt, in der der Karneval (je nach Region aka Fasching, Fastnacht usw) einfach nicht stattfindet. Damit bleibt mir jenes jährliche Ereignis erspart, das hinsichtlich der kollektiven aggressiven Enthemmung nur von den schwarz-rot-goldenen Feiern während der Fußball-WM 2006 übertroffen wird.

Die Kritik der Parodie der Erfüllung betreibt Esther Marian in ihren Anmerkungen zum rheinischen Karneval (Prodomo # 4)
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Folge 1106: Dimitri

Murats Eltern drängen ihn, endlich Lisa zu heiraten. Es wird Zeit, schließlich sind sie über einem Jahr zusammen und Lisa wurde von ihren prospektiven Schwiegereltern längst ins Herz geschlossen. Lisa, nach ihrer Konversion zum Islam bemüht, 100% Muslima zu sein und damit Murats Nerven gehörig strapazierend, ist augenblicklich begeistert und legt mit Murats Eltern den Hochzeitstermin fest- obwohl Murat nicht über die finanziellen Mittel für eine große Feier nach türkischer Tradition mit zahlreichen Gästen verfügt.

Als Irina von ihrer Mutter beim Kiffen erwischt wurde, reagierte Urszula, als sei ihre Tochter heroinabhängig. Seitdem erhält Irina keinerlei Taschengeld und wird von Urszula einer strikten Kontrolle unterzogen. Doch dann wird Irina dabei erwischt, als sie auf dem Schulhof einige Gramm Marihuana erwirbt.

Der Schulleiter argumentiert gegenüber Irinas Eltern, es handele sich um eine weit über den Eigenbedarf hinausgehende Menge und betrachtet Irina somit als Dealerin. Von einem Schulverweis wird dank Urszlas couragiertem Einsatz für ihre Tochter gerade noch einmal abgesehen.
Nach dem sorgenbeladenen Tag überrascht Christian Urszula mit dem Angebot, gemeinsam ein Jahr nach Neuseeland zu gehen.

Klaus ist sich sicher: er liebt Nina und möchte weiter mit ihr zusammenbleiben. Daher bitte er Helga, seiner Frau Nastyas Schwangerschaft zu verschweigen. Helga, ihrem Klausi gegenüber inzwischen versöhnlicher gestimmt, willigt ein und bietet ihrem Sohn an, sich auch um Nastyas Kind zu kümmern. Schließlich sei es ja ihr Enkel.

Helga setzt Nastya unter Druck, Nina auf keinen Fall die Wahrheit über sie und Klaus zu sagen. Als Nina überraschend auftaucht, offenbart Nastya ihre Schwangerschaft. Als Vater gibt sie ihren ehemaligen Arbeitskollegen Dimitri an, mit dem sie angeblich eine Affäre hatte. „Er hat von dem Kind gehört und ist weg“, stellt sie klar.
„Sie war verliebt und er hat sie nur ausgenutzt!“, erzählt Nina dem zerknirschten Klaus später mitfühlend.

Was hat Nastya bewogen , Nina zu belügen? Ihr Wunsch, Klaus, den sie liebt, nicht ins Unglück zu stürzen? Der Druck von Helga?
Wird Klaus trotz seines schlechten Gewissens, sowohl gegenüber Nina als auch gegenüber Nastya, die Situation nach Helgas Vorstellungen überstehen?

Es bleibt spannend. Bis zum nächsten Sonntag.
In München. Um 18 Uhr 50.

Theater an der „Heimatfront“

Veranstaltungshinweis: jour fixe, 14.2. 19h30 APEX, GÖ

Anlässlich der Kritik an der aktuellen Spielzeit des Göttinger Jungen Theaters (unter dem Motto „Heimatfront“) findet eine Podiumsdiskussion mit dem Intendanten des Jungen Theaters und einem Vertreter des [a:ka] statt.

Die Vorgeschichte der Diskussion findet sich hier ,
das im September 2006 veröffentlichte Pamphlet des [a:ka] gegen die „Heimatfront“-Spielzeit sei im folgenden erneut zur Lektüre empfohlen:

Theater an der Heimatfront – oder: Dann lieber Sparzwang!

„‚Heimatfront‘ ist die Verortung des gesellschaftlichen Gestaltungsprozesses mit seiner Wechselwirkung auf den kulturellen Prozess des Theatergeschehens“. Dieser schöne, prägnante Satz stammt aus der Tastatur des SPD-Ratsherrn Frank-Peter Arndt, geschrieben in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzendem des Jungen Theaters Göttingen (JT). Karl Kraus hätte gesagt: »Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben; man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.«
Aber auch wer den Inhalt des Arndtschen Satzes verständlicherweise nicht versteht, mag staunen: Bislang stand »Heimatfront« nicht für die Verortung von irgendwem mit irgendwas auf Theater. »Heimatfront« war – und zwar ausschließlich – der Nazi-Begriff für den Teil der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, der Granaten produzierte und in Bombenkellern hockte, während der Rest der Nation mit der Vernichtung von Juden beschäftigt war oder Europa verwüstete. Goebbels benutzte »Heimatfront«, wenn er noch der letzten Gemüsebäuerin klarmachen wollte, dass ihr Kohlrabi keineswegs nur irgendeine Knolle ist, sondern integraler Bestandteil der totalen Kriegsführung.
Das ist jetzt anders. »Heimatfront« wurde von den JT-Managern zum Motto ihrer neuen Spielzeit erkoren. Sie haben den Begriff aus dem »Wörterbuch des Unmenschen« gefischt und ihn für ihren Zweck verfügbar gemacht: soziologisch-kulturelle Dampfplauderei. Hätte das JT mit diesem Motto nur provozieren wollen, wie die Sex Pistols mit ihren Hakenkreuz-T-Shirts – es wäre abgedroschen, aber verzeihlich gewesen. Hätte es »Heimatfront« als Kritik gemeint am Zustand der deutschen Gesellschaft – vielleicht hätte es eine interessante Spielzeit werden können.
Aber weder das eine noch das andere hat das JT gewollt. Seine Verantwortlichen verwenden den Begriff keineswegs kritisch oder ironisch gebrochen oder wenigstens mit einer Portion schwarzem Humor, sie beziehen sich zustimmend auf ihn und sie meinen ihn bitter ernst.

Heimat statt Gesellschaft

Während der Aufsichtsratsvorsitzende Arndt mühsam vor sich hinschwurbelt, um das Motto zu rechtfertigen, spricht es aus dem Intendanten Andreas Döring ungezwungen heraus: »Familie, Religion, Beruf, Freunde – kurz: unsere Heimat – verlieren an Raum, Wert und Bedeutung.« Ach je, die alten Werte! Müssten es Kulturschaffende mit kritischem Anspruch nicht begrüßen, wenn Zwangsinstitutionen wie Familie und Religion ihre Macht über die Menschen verlören?
Nicht mehr seit Eva Herrmann sagt, wie Feminismus geht (Heim an den Herd!), und Großinquisitor Ratzinger den Maßstab der Religionskritik vorgibt (Mehr beten, sonst Hölle!). In diesem Klima hat offenbar auch das Junge Theater als Flaggschiff der Göttinger Kulturlinken seine Liebe zur Reaktion entdeckt – und sein Intendant redet daher wie Karl Moik auf Depressionen.
»Heimatfront« bezeichnete bei den Nazis das Zusammenrücken der Volksgemeinschaft gegen den äußeren Feind, und auch der JT-Begriff von »Heimatfront« lässt sich auf diesen Punkt bringen: als romantischer Antikapitalismus. Romantische Antikapitalisten betrachten den Kapitalismus nicht als gesellschaftlichen Zusammenhang, der zwar in Klassen zerfällt, den aber jeder Einzelne durch sein tägliches Handeln aufs Neue herstellt – durch Lohnarbeit zum Beispiel, oder dadurch, dass er einkaufen geht. Die kapitalistische Gesellschaft bringt ja tatsächlich die Auflösung überlieferter Lebensweisen mit sich, den Untergang tradierter Familienverhältnisse und den Verlust sozialer Bindungen – aber die Ursachen dafür wähnen romantische Antikapitalisten nicht im Kern dieses als Zwang auftretenden, aber letztlich hausgemachten Zusammenhangs, sondern schreiben sie einem nicht existenten Außen als okkulte Macht zu.
Was dem alten Nazi das »internationale Finanzjudentum« war, und dem neuen Nazi das »Judäo-amerikanische Imperium« (Horst Mahler), ist dem Göttinger Kulturschaffenden seine Globalisierung, hinter der er nicht näher bezeichnete Finsterlinge vermutet. Und dagegen muss man sich ja wohl wehren! Andreas Döring im JT-Programm: »Nur gemeinsam kann unser Lebensraum (sic!) vor den Angriffen eines propagandistisch geführten Feldzugs der sogenannten Globalisierung bewahrt werden.« Wer die Propaganda betreibt und welchen Zweck sie haben sollte, bleibt im Dunkeln, jedenfalls sollen »wir« und »unser« Lebensraum zerstört werden, was dann die Formierung zur Heimatfront nötig macht.
Nun wollten die Nazis den »Lebensraum im Osten« erobern; Göttinger Kulturschaffende beanspruchen höchstens Wohnraum im Ostviertel. Niemand will Andreas Döring unterstellen, er sei ein Faschist – allerdings redet er wie einer. Aber das scheint diesem Aushängeschild progressiver Bühnenkunst nicht im Ansatz bewusst zu sein: »Heimatfront« hat er sich wohl noch mit voller Absicht ausgesucht; »Lebensraum« muss ihm unbemerkt reingerutscht sein – einen Lebensraum definieren Biologen für Schneehasen- oder Feldhamsterpopulationen, Menschen werden in einen Lebensraum nur dann gepresst, wenn sie ins Visier völkischer Rassisten geraten.

Konformismus statt Kritik

Das wirklich erschreckende am »Heimatfront«-Motto ist aber weder die nationalsozialistische Propagandaphrase selbst, noch die über sie hinausgehende Indifferenz gegenüber Nazi-Begriffen. Als Provokation, als polarisierendes Moment, wäre die Verwendung von »Heimatfront«, wie gesagt, legitimes Mittel von Kunst gewesen. Unerträglich ist erst, dass das Motto eben nicht provozieren und polarisieren soll, sondern Identität stiften – es propagiert die Masse und verachtet das Individuum; Mitmachen wird verlangt, nicht kritische Distanz. Weder sollen alte Reaktionäre entlarvt werden, noch linke Spießer zur Weißglut getrieben; das JT will vielmehr die reaktionären und die linken Spießer zu jener widerspruchsfreien Gemeinschaft versöhnen, die genau dem kritischen Kulturbegriff entgegensteht, den das JT zu verteidigen beansprucht.
Kritische Kultur hätte das Ziel, die Widersprüche der Gesellschaft festzuhalten und offenzulegen, Salz in die Wunden zu streuen und »die Schmach noch schmachvoller zu machen, indem sie ihr das Bewußtsein der Schmach hinzufügt« (Marx) – das JT will stattdessen die Widersprüche in Harmoniesauce ersäufen und projiziert diffuses Unbehagen auf äußere, imaginierte Feinde. Kritische Kunst zielte darauf ab, die falsche Identität der kapitalistischen Gesellschaft der Lüge zu überführen; das Junge Theater feiert eben diese falsche Identität als kritische Kunst.
Das Programm der »Heimatfront«-Spielzeit ist für sich betrachtet eine unspektakuläre Melange aus Klassikern und modernen Stücken; die AutorInnen können nichts für den Zusammenhang, in den ihre Arbeit vom JT gerückt wird. Der Aufklärer Lessing, der Kommunist Brecht und die vernichtete Jüdin Anne Frank werden ungefragt unter ein Motto gezwungen, das die Aufklärung verrät, kommunistischer Kritik ins Gesicht schlägt und sich des Vokabulars der Judenvernichter bedient.
Döring schreibt: »Für unseren Spielplan 2006/2007 haben wir nach Stoffen in unserer Heimat gesucht.« Es gehört schon einiges an Vermessenheit dazu, wenn der Intendant eines deutschen Provinztheaters meint, er könne Shakepeares »Othello« in sein Konzept von »Heimat 2006« hineinzwängen. Wenn er dasselbe unter der Überschrift »Heimatfront« mit dem »Tagebuch der Anne Frank« versucht, wird es widerwärtig: Anne Frank steht examplarisch für das, was die deutsche Volksgemeinschaft auf der Suche nach Identität jenen angetan hat, die sie als Feind ihrer Gemeinsamkeit definierte: Anne Frank steht für Millionen, die den Zusammenschluss der Deutschen zur Heimatfront einfach deshalb nicht überlebt haben, weil sie Juden waren.

Bei aller Symphatie, die man den SchauspielerInnen eines kleinen, in seiner Existenz gefährdeten Theaters entgegenbringen mag: Diese Spielzeit sollen sie entweder streiken oder vor leeren Rängen spielen. Beschweren können sie sich bei ihrem Intendanten.

Folge 1105: „Senf“

Robertos Beerdigung: Jack schnauzt den Pfaffen an und unterbricht seine Trauerrede: „Ich hasse Gott dafür, dass er ihn umgebracht hat! Ihr seid alle zum Kotzen.“ Später, beim Leichenschmaus im „Café Bayer“ verteidigt Robertos Mutter, Sabrina Buchstab, Jack: „Ich wünschte, ich hätte diesen Mut gehabt“. Niemand habe das Recht, sie deswegen zu verurteilen.

Julian ist bei Ines eingeladen und will sie verführen, um seine Wette mit Marcella endlich zu gewinnen. Ines´Gatte Olaf ist an diesem Abend nicht zuhause. Doch auch dieses Mal bleibt Julian der Erfolg versagt, frustriert zieht er von dannen. „Diese Frau ist so verdammt asexuell!“ flucht er.

In letzter Zeit muss Nastya sich auffallend häufig übergeben. Helga ahnt schon, was los ist. Sie veranlasst Nastya, einen Schwangerschaftstest zu machen.

Nastya ist tatsächlich schwanger. Entsetzt zitiert Helga sofort ihren Klausi herbei. Als Klaus eintrifft, wird er augenblicklich von seiner Mutter geohrfeigt. Nastya und Klaus fliehen vor der aufgebrachten Helga.
Nastya verkündet Klaus, dass das Kind haben will, eine Abtreibung kommt für sie nicht in Frage. „Du musst es Nina sagen!“ fordert sie.

Wird Klaus tatsächlich Nina die Wahrheit gestehen und damit seiner
Ehe ein Ende setzen?
Ist Helga dem Herzinfarkt wieder ein Stück näher gekommen?
Wird Hans Verständnis für seinen Sohn aufbringen, da er selbst vor über 15 Jahren Helga betrogen hat?
Fragen über Fragen, die Antworten folgen am Sonntag, ab 18h50.

Comics

Empfehlungen:

Das Internationale Comix-Festival „Fumetto“ in Luzern
(24. März bis 1. April 2007)

und das hervorragende ORANG magazin aus HH

Spasibo!

Heute jährt sich zum 64ten mal die deutsche Niederlage bei Stalingrad.

Zu diesem Anlass einige kluge Zeilen von Café Morgenland:
Daher ist der Versuch zwecklos, den Deutschen mit Auschwitz beizukommen. Es hat deswegen wenig Sinn, sie mit ihren Vernichtungstaten und –drang zu konfrontieren. Es ist deswegen aussichtslos, sie zu Frieden, Nächstenliebe und zu sonstigen das Appetenzverhalten bändigenden und ersetzenden Verhaltensformen umzuerziehen.
Das einzige, was wirkt, ist, sie an Stalingrad, an die Stadt, die den deutschen Siegeswillen symbolisieren sollte, zu erinnern (und ab und zu an Dresden, je nach Gegend). Das einzig Probate ist, sie nach der russischen Gefangenschaft ihrer Vorfahren zu fragen – als Androhungsvorstufe, als Erinnerungszwang, als Ausdruck der Genugtuung. Genau dies hat sie über 50 Jahre lang in Schach gehalten. So und nur so plapperten sie immer wieder und zu jedem Anlass nach, so was wie „Krieg ist was schlimmes“, „die Schuld der Nazis“, die „uns in die Katastrophe geführt haben“, „die Lehren aus der Geschichte“, „das habe ich nicht gewusst“ usw.
Wenn heute die „Volksbewegung zur Erhaltung der deutschen Friedenszustände“ – kurz: Friedensbewegung – angesichts des drohenden Angriffs auf Irak „nie wieder Krieg“ schreit, so steckt dahinter neben den durch die offiziöse Haltung Iraks gegenüber Israel herbeigerufenen antörnenden Konnotationen als die benigne Komponente Stalingrad.

Phase2. 06 Dezember 2002