Extremismus in der Provinz

Die idyllische Provinzstadt Göttingen kann nicht nur auf nur auf eine ruhmreiche universitäre Vergangenheit verweisen, darüber hinaus trug Göttingen als Garnisonsstadt dazu bei, dass am deutschen Wesen die Welt genese. Daran erinnert das „Kolonialdenkmal“, welches dem 82. Infanterie-Regiment gewidmet ist. Jenes Regiment kämpfte von 1904 bis 1906 „für Kaiser und Reich“ im sogenannten „Deutschsüdwestafrika“, dem heutigen Namibia, und beteiligte sich an dem Genozid an den Herero und Nama . Die deutschen Kolonialtruppen ermordeten in ihrem Vernichtungsfeldzug über 40tausend Menschen.
Der Erinnerung „in Dankbarkeit und Treue“ an die deutschen Täter steht das jahrezehntelange Beschweigen des Genozids gegenüber.
Am 22. Januar zerstörte eine „Initiative Anti-Kolonial“ die an dem Denkmal angebrachte Marmorplatte und verwies in einem per e-mail versandten Bekennerschreiben darauf, das Denkmal erinnere an die Massenmörder, nicht aber an ihre Opfer. Als Absender der e-mail war ein gewisser „Hartwig Fischer“ angegeben. Hartwig Fischer ist allerdings Göttinger CDU-Politiker und als Mitglied des Bundestages für die Afrika-Politik seiner Partei zuständig.

Fischer, obschon der schändlichen Tat kaum verdächtig, distanzierte sich von dem unter seinem Namen verfassten Bekennerschreiben. Sein Parteikollege Welskop, Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes in Göttingen, nahm die Aktion zum Anlass für totalitarismustheorische Überlegungen: der Anschlag auf das Denkmal unterscheide sich nicht im geringsten von Schändungen jüdischer Friedhöfe durch Neonazis.
Dass „Extremisten aller Couleur ihnen unliebsame Denkmäler beschädigen und Gedenken auf diese Art zensieren wollen“ (Welskop) zeigte sich tags darauf auch andernorts in Niedersachsen: im Landkreis Verden, wo die Entbarbarisierung des platten Landes ebenso noch auf sich warten lässt und Neonazi Jürgen Rieger seine „Forschung zum Erhalt der nordischen Rasse“ betreibt, wurde das dortige Mahnmal zur Erinnerung an die Vernichtung der Jüdinnen und Juden niedergebrannt.

Der restaurierte Reichsbahnwaggon, in dem sich Exponate zur Dokumentation der deutschen Vernichtungspolitik befanden, diente seit dem 9.November 2003 als Gedenkstätte. Heute, einen Tag vor dem Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, brannte der Waggon völlig aus.